Sport : Kraftprobe mit Sicherheitsnetz

Für das heutige Mannschaftszeitfahren wurde die Regel geändert – um die kleinen Teams zu schützen

Sebastian Moll[Wasquehal]

Walter Godefroot kennt sich aus. Der Direktor des Teams T-Mobile gehört immerhin seit 40 Jahren zum festen Bestandteil der Radsportszene. Man kann ihm also eine gewisse Erfahrung nicht abstreiten, wenn er sagt: „Es kommt nicht darauf an, wer das Mannschaftszeitfahren gewinnt, sondern, wer in Paris vorne ist.“ Es gibt aber Menschen bei der Tour de France, die anderer Meinung sind.

Seit Tagen sorgt das heutige Mannschaftszeitfahren und seine neue Regel für Diskussionen. Zwar wurde der Teamwettbewerb im Jahr 2000 deswegen wieder in das Programm der Tour aufgenommen, um zu unterstreichen, dass Radsport ein Mannschaftssport ist. Doch eine allzu große Rolle darf die Mannschaft auch wieder nicht spielen – starke Fahrer mit schwachen Mannschaften sollen in dieser Disziplin nicht ihre Chance auf den Gesamtsieg einbüßen.

Das bedeutet für den 64,5 Kilometer langen Abschnitt von Cambrai nach Arras: Im Gegensatz zu früheren Zeitfahren zählen nicht die reinen Abstände zwischen den Teams. Nach der neuen Regel darf der Abstand zwischen der ersten und der letzten Mannschaft maximal drei Minuten betragen, der Abstand zwischen der ersten und der zweiten Mannschaft maximal zwanzig Sekunden. Zwischen den weiteren Mannschaften – der zweiten und der dritten, der dritten und der vierten und so weiter ist der Abstand auf zehn Sekunden begrenzt. Die drittplatzierte Mannschaft verliert also maximal 30 Sekunden auf das Siegerteam. Eine Art Sicherheitsnetz, wenn man so will.

Das findet nicht jeder gut. Godefroot bleibt in seiner Beurteilung des Reglements lieber vage, auch wenn er hofft, dass die zwei Zeitfahrspezialisten seines Teams – Jan Ullrich und Santiago Botero – ein gutes Resultat gewährleisten. Aber das Team T-Mobile ist in der jetzigen Besetzung noch nie zusammen gefahren und könnte genauso gut viel Zeit auf das favorisierte US-Postal-Team verlieren.

Lance Armstrong, der mit US Postal das Zeitfahren im vergangenen Jahr gewann, wird schon deutlicher: „Ich glaube nicht, dass die Regel einen spannenden Wettbewerb garantiert.“ Er befürchtet, dass sich die weniger aussichtsreichen Mannschaften einfach schonen werden, weil sie ohnehin nicht viel Zeit verlieren können. Das sei nicht schön anzusehen, so Armstrong und auch nicht fair, weil das Mannschaftszeitfahren sehr viel Kraft kostet.

Hans-Michael Holczer, Chef des Teams Gerolsteiner, kann hingegen die Entscheidung der Tour-Direktion nachvollziehen: „Es geht darum, einem Konzentrationsprozess entgegenzuwirken.“ Es soll die Tendenz abgeschwächt werden, aus den Teams Ensembles von Superstars zu machen, so wie etwa T-Mobile und US Postal. Holczer findet die Regel vernünftig. Seine Equipe gehört schließlich nicht zu den reichen der Tour.

Heute im Fernsehen: Die 4. Etappe, Cambrai-Arras, live.

SENDEBEGINN 13 Uhr (ARD),

14 Uhr (Eurosport)

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