Sport : Kraftstrotzender David dürstet nach neuen Taten

KARSTEN DONECK

Für den Cottbuser Trainer Geyer ist der Einzug ins Pokalhalbfinale noch lange nicht genug VON KARSTEN DONECK

COTTBUS. Das Ergebnis sprach eigentlich für sich.Dennoch waren die Bemühungen durchaus verständlich, dem Triumph hinterher durch große Worte noch ein bißchen mehr Gewicht zu verleihen.So verstiegen sich Vereinsvertreter des FC Energie Cottbus zu der Ansicht, "ihre" Mannschaft habe mit dem Erfolg im DFB-Pokal-Viertelfinale gegen den FC St.Pauli Fußballgeschichte für Cottbus und die Lausitz geschrieben.Solche Aussagen registrierte Eduard Geyer mit verlegen-ungläubigen Blicken.Der Trainer bemühte sich seinerseits, bei allem Stolz die Kirche ins Dorf zurückzuholen: "Am Sonnabend müssen wir im Landespokal bei Schwarz-Rot Neustadt antreten.Das könnte eine sehr unangenehme Angelegenheit werden." Ein Drittligist, der denen aus dem Oberhaus die Leviten liest, fürchtet sich vor Neustädter Freizeitkickern - seltsame Fußball-Logik.Oder nur Geyers Philosophie nach guter, alter Herberger-Art: Der nächste Gegner ist halt immer der schwerste. Energie Cottbus ist plötzlich wer im deutschen Fußball.Die Siege in den ersten beiden Runden des DFB-Pokals gegen die Zweitligisten Stuttgarter Kickers und VfL Wolfsburg erregten nur regionales Aufsehen.Erstmals bundesweit in den Blickpunkt rückten die Cottbuser nach ihrem Achtelfinal-Sieg über den MSV Duisburg.Weil der Erfolg aber "nur" im Elfmeterschießen zustandekam, hielt mancher die Energie-Spieler ganz einfach für Glücksritter.Nach dem 0:0 nach Verlängerung gegen St.Pauli und dem 5:4 im Elfmeterschießen ist der Spitzenreiter der Regionalliga Nordost als kraftstrotzender David in aller Munde.Und keiner redet jetzt mehr von Zufall. Geyers Erfolgsrezept ist einfach: "Durch Laufen, gewonnene Zweikämpfe und Disziplin werden Spiele entschieden." Diese Prinzipien beherrschte Energie derart, daß es verwunderte, wie sich St.Pauli überhaupt bis ins Elfmeterschießen retten konnte."Wir hätten die Sache vorher entscheiden können", klagte Geyer über die angesichts vieler Chancen unnötige "Mehrarbeit".St.Paulis Trainer Uli Maslo räumte eine gewisse Kapitulation vor der Cottbuser Kampfeswucht ein: "Unsere technischen Möglichkeiten waren praktisch aufgehoben." Ein bißchen Bammel hatte Geyer vor dem Elfmeterschießen.Seine Furcht galt dabei aber nicht so sehr der - von Peter Handke zur Literatur erhobenen - Angst des Tormanns beim Elfmeter."Wenn du als Schütze zum Elfmeter anläufst", sagte der Trainer, "dann wird plötzlich das Tor immer kleiner und der Torwart immer größer." Als ein ganz Großer wurde hinterher Kay Wehner gefeiert.Der 25jährige Schlußmann der Cottbuser, erst nach dem Verkauf von Stammtorwart Antonio Ananiev an den 1.FC Köln Ende September zur neuen Nummer eins befördert, galt als der Pokal-Held schlechthin, hatte er doch im Elfmeterschießen zwei Schüsse abwehren können.Dabei wurde ihm indes nicht allzu viel abverlangt.Wehner mußte nur da stehenbleiben, wo er eh stand: in der Mitte des Tores.Denn genau dorthin zielten die Hamburger Springer und Scherz - als sei es ihr sehnlichstes Anliegen, den gegnerischen Torwart umzuschießen.Von derlei Jahrmarkts-Methoden ließ sich Wehner jedoch nicht beeindrucken. Ein großer Tag war der 12.November auch für den Cottbuser Schatzmeister.Die Gesamteinnahme inklusive der Fernsehgelder lag bei rund 400 000 Mark."Bei dieser Einnahme dürfte etwas mehr als der erste Mast für das Flutlicht abfallen", sagte Präsident Dieter Krein.Licht fehlt im Stadion der Freundschaft.Gegen St.Pauli fand das Elfmeterschießen trotz des frühen Spielbeginns um 14 Uhr schon bei Einbruch der Dunkelheit statt.Für das Halbfinale hat Berlins Sportsenatorin Ingrid Stahmer den Cottbusern das Olympiastadion angeboten. Geyer störte die Dämmerung nicht.Der früher bei Dynamo Dresden kickende Trainer fühlte sich eher an gute, alte Fußballzeiten erinnert, so lautstark hatten die Fans ihrer Mannschaft den Rücken gestärkt.In der Kabine wurde eher auf Sparflamme gefeiert."Es gab einen Schluck Sekt oder eine Flasche Bier", berichtete Geyer - nicht ohne den Zusatz: "aber nur für den, der auch wollte".Die Spieler benötigen ohnehin klaren Kopf bei den Methoden des ihres Trainers.Dem ist das Erreichen des Halbfinales längst nicht genug, gleich nach dem Spiel verlangte er neue Heldentataten: "Ich muß die Mannschaft unter Strom halten.Keiner soll denken, das Nonplusultra ist schon erreicht."

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