Sport : Kraichgau Tag und Nacht

Hoffenheims neuer Trainer Marco Kurz will seine Mannschaft wieder zu einer Einheit formen.

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Zuzenhausen - An der Umgebung kann es wohl kaum liegen, wenn Marco Kurz nachts keine Ruhe findet. Zuzenhausen ist ein idyllisches Dorf im Kraichgau, 2200 Einwohner, hohe Traktorendichte. Es gibt einen Brauereigasthof, der zwar mit Themenzimmern lockt, sich aber streng an überschaubare Nachtruhezeiten hält. „Feiern in der Höhle“, heißt es da, „Essen im Saustall“ oder „Schlafen auf dem Hochsitz“. Marco Kurz hat den Versuchungen der kleinen Gemeinde bisher widerstanden.

Vielleicht aber bekommt der neue Cheftrainer der TSG Hoffenheim einige Vorzüge des Landgasthofcharmes bei seinem neuen Arbeitgeber geboten. Kurz hat sich direkt im Krisenzentrum Zuzenhausens einquartiert, um eine heikle Aufgabe zu erfüllen: den Klassenerhalt mit Hoffenheim. Vor dem Start der Rückrunde liegt das Team mit zwölf Punkten auf Relegationsplatz 16. Alleine ist Kurz im TSG-Trainingszentrum dabei nicht. Manager Andreas Müller nächtigt dort mindestens sechsmal die Woche. Am Morgen sitzen Kurz, Müller und Assistenztrainer Günther Gorenzel beim Frühstück zusammen „und sprechen drüber, was wir tun wollen“, erzählt Müller. „Am Abend sitzen wir wieder zusammen und reden.“

Die Hoffenheimer Wohngemeinschaft ist nicht nur den Umständen des kurzfristigen Trainerwechsels geschuldet, sie ist ein Signal, das sich bis in den Hoffenheimer Kader auswirken soll und zeigt, wo die Gründe für die tiefe sportliche Krise liegen. „Da muss Einheit rein, da haben wir noch Luft nach oben“, beschreibt Manager Müller Kurz’ Strategie, um das Einzelgängertum zu unterbinden. „Die Mannschaft muss begreifen, dass es nur zusammen geht."

Zweieinhalb Stunden sind die Trainingseinheiten nun lang, meistens zweimal täglich. Dazwischen wird gemeinsam zu Mittag gegessen. Kurz hat im Abstiegskampf praktisch den Zehnstundentag eingeführt. „Wir dürfen uns hier nicht in die Tasche lügen“, sagt der 43-Jährige, „wir gehen mit einem gewissen Rucksack in die Rückrunde, es ist aber wichtig, den Kopf frei zu bekommen und sich mit der Situation vertraut zu machen.“ Das käme auch auf Neuverpflichtungen zu, die Müller derzeit sucht.

Kurz’ Maßnahmen lassen den Schluss zu, dass nicht jeder die prekäre Lage erfasst hat. Viele Spieler scheinen zuerst mit sich selbst beschäftigt zu sein. Überhaupt gibt es bis zum Rückrundenstart in zwei Wochen gegen Mönchengladbach noch einiges zu tun. „Das Abwehrverhalten der gesamten Mannschaft war schlecht“, sagt der neue Trainer und lässt in erster Linie Taktisches üben. Manager Müller sagt: „Es ist nicht fünf vor zwölf, es ist längst zwölf. Wir wollen einen Platz höher klettern, aber es geht auch darum, Platz 16 gegen Augsburg und Fürth zu verteidigen.“

Kurz gilt im Kraichgau vorerst als hilfreicher Impuls von außen. Sein Vorgänger Markus Babbel hat zwar den Abstiegskampf hinterlassen, aber auch „ordentliche Laktatwerte“, die als Grundlage dienen, „damit unser Spiel explosiver wird“, sagt Müller. Am heutigen Sonntag bezieht der ehemalige Lauterer Kurz mit seinem Team ein einwöchiges Trainingslager in Portugal. Dort gilt es auch die Frage nach dem Kapitän zu beantworten. Babbel bestimmte den ehemaligen Bremer Tim Wiese, der sich aber auch erst einmal auf der Torhüterposition durchsetzen muss. Der müsse wie jeder andere um seinen Platz kämpfen, kündigte Kurz an. „Wir werden in Portugal den Mannschaftsrat wählen, und ich bestimme den Kapitän.“

Die Alternative zu Wiese ist der 20-jährige Koen Casteels. Sollte er tatsächlich den ehemaligen Nationaltorhüter ablösen, drohen neue Probleme für Hoffenheim und Kurz. Denn Wiese, der bisher mit einer Flut an Gegentoren und Patzern enttäuschte und im Team als nur bedingt integriert galt, würde einer Absetzung als Stammtorwart und Kapitän sicher nicht strahlend zustimmen. Oliver Trust

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