Sport : Krampf am Netz

Deutschlands Volleyballer versagen zu oft in den entscheidenden Phasen eines Spiels

Karsten Doneck

Berlin. Marco Liefke hat die Situation genau vor Augen. „Es war wahnsinnig“, sagt er. Ein Aufschlag der holländischen Volleyball-Nationalmannschaft im Spiel gegen Deutschland im Halbfinale der Olympia-Qualifikation in Leipzig brachte Liefkes Gefühlswelt in Aufruhr. Er schildert die Szene so: „Der Ball schien meterweit ins Aus zu fliegen. Unser Wolfgang Kuck, der ja ein gutes Auge hat, hatte den Kopf schon eingezogen. Und plötzlich flattert der Ball und landet im Feld.“ Punkt für Holland also zur 23:21Führung im ersten Satz. Deutschland verlor die Partie 0:3 – die Teilnahme in Athen 2004 war damit abgehakt. „Immer, wenn es mal in einem Satz eng wird, kommt von unserer Mannschaft plötzlich nichts mehr“, klagt Werner von Moltke, der Präsident des Deutschen Volleyball-Verbandes (DVV).

In der Tat. Bei der Olympia-Qualifikation in Leipzig und zuvor schon bei der Europameisterschaft in Karlsruhe, Leipzig und Berlin verschenkte die deutsche Volleyball-Nationalmannschaft der Männer greifbar nahe Satzgewinne, indem sie gerade in der entscheidenden Phase schwächelte. Nicht zuletzt deshalb ist die DVV-Auswahl noch nicht Weltspitze, sondern „erst auf dem Weg dorthin“, wie Bundestrainer Stelian Moculescu feststellt. Scheitert das deutsche Team letztlich an schwachen Nerven?

Nach Ansicht von Olaf Kortmann, des früheren Bundestrainers, der jetzt als Wirtschaftsberater tätig ist, sind die späten Leistungseinbrüche im deutschen Team nur bedingt zu beheben. „Ich habe mal den Satz gelesen: Sportspiele entziehen sich jeder rationalen Begründung. Das kann ich auch in diesem Fall nur unterstreichen“, sagt Kortmann. Und: „Ich denke, dass die deutsche Mannschaft in dieser Besetzung gegen die Russen sowieso nie eine Chance gehabt hätte.“ Russland hat sich in Leipzig durch ein 3:0 im Finale gegen Holland für die Olympischen Spiele in Athen qualifiziert.

Dass Russlands Volleyballer im Vergleich zu den Deutschen derzeit in einer höheren Liga spielen, bestätigt auch Marco Liefke. „Bei denen steht einer mit 2,17 Metern am Netz – und der nächste mit 2,16 Metern gleich daneben. Und obwohl die so groß sind, haben sie trotzdem noch ein brutal gutes Ballgefühl“, staunt der Nationalspieler des SC Charlottenburg. Seine Schlussfolgerung: „Wenn du gegen die mal einen Satz gewinnst, hast du gleich das Gefühl, die haben sehr zurückhaltend gespielt und werden jetzt gleich noch einen Gang zulegen.“ Dass aber auch das psychologische Moment eine Rolle spielt, wenn die Deutschen zum Satzende hin nicht mehr punkten, leugnet Marco Liefke keineswegs. „Da ist auch ein bisschen Dummheit dabei. Andererseits ist man nicht mehr relaxed genug oder viel zu verfressen, weil man krampfhaft den nächsten Punkt machen möchte“, sagt er. Warum bloß reagieren die Gegner da besonnener?

Viel Zeit, über knapp verlorene Sätze zu grübeln, haben die Deutschen nicht. Für Marco Liefke und Eugen Bakumovski zum Beispiel, die beiden Nationalspieler vom SC Charlottenburg, geht es morgen (19 Uhr, Sömmeringhalle) schon international weiter. Sie treffen mit dem SCC in der Champions League auf Olympiakos Piräus. Angst vor einem knappen Satzende? Liefke sagt: „Das ist ja das Phänomen: Wir haben beim SCC einen Lauf und gewinnen meist bei knappen Satzständen.“ Wenigstens etwas Trost.

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