Sport : Krampf am Berg

Felix Neureuther enttäuscht die riesigen Erwartungen beim Slalom der Ski-WM – und scheidet aus

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Ungeschickt eingefädelt. Nach Platz 22 im ersten Lauf scheidet Felix Neureuther im zweiten Durchgang des WM-Slaloms durch einen Fahrfehler aus. Foto: Reuters
Ungeschickt eingefädelt. Nach Platz 22 im ersten Lauf scheidet Felix Neureuther im zweiten Durchgang des WM-Slaloms durch einen...Foto: REUTERS

Zum Schluss blieb bloß noch eine Geste. Felix Neureuther hob den rechten Arm und deutete so etwas wie einen Wink zum Publikum an. Die Fans sahen es auf der Videowand im Skistadion von Garmisch-Partenkirchen. Den leibhaftigen Felix Neureuther konnten sie bloß als kleinen Punkt in der Entfernung erkennen, irgendwo da oben, auf der Piste des Gudibergs. Weiter war der 26-Jährige nicht gekommen. Nach wilden Aktionen war für ihn der zweite Durchgang des WM-Slaloms vorzeitig beendet. Ein Fahrfehler, nur konsequent nach seiner Botschaft: „Entweder komme ich super durch oder man muss mich mit dem Hubschrauber abtransportieren.“

Neureuther fuhr dann doch noch auf seinen Skiern ins Tal, aber das spielte schon keine Rolle mehr. Als er die Bretter abschnallte, 20 Minuten bevor der Franzose Jean-Baptiste Grange Gold gewann, war er schon lange der Gescheiterte. Er hatte eine Medaille im Slalom gewollt, und er bekam bestenfalls Mitleid. „Es war alles zu viel für mich. Ich war zu verkrampft“, sagte er. Gescheitert war Neureuther schon gegen 10.30 Uhr. Da passierte er frustriert die Ziellinie – nach einem verkrampften ersten Lauf. Diesen beendete er als 22., einen Platz hinter seinem Teamkollegen Fritz Dopfer.

Als er noch oben im Starthaus stand, da waren die deutschen Fans aufgestanden und hatten wild mit ihren schwarz-rot-goldenen Fähnchen gewedelt. Der Stadionsprecher hatte sie mit dem entscheidenden Stichwort in Party-Stimmung versetzt: „Felix Neureuther“. Der bereitete sich auf den „Showdown“, wie er gesagt hatte, vor, als erwartete ihn auf einer staubigen Straße im Wilden Westen das Pistolen-Duell mit einem finsteren Gegner.

Spätestens in diesem Moment hatte er sich ganz auf dieses hoch riskante Spiel eingelassen, auf diese kompromisslose Zuspitzung: „Glänzen oder scheitern.“ Die Regeln des Spiels hatten schon Monate zuvor die Medien, die Fans, die Sponsoren festgelegt. Felix Neureuther muss eine Medaille gewinnen, es war fast wie ein Naturgesetz. Die Fassade ließ dann einfach keine andere Möglichkeit mehr zu, nichts anderes als eine Medaille hätte zu der medialen Inszenierung gepasst, die zunehmend Seifenopern-Charakter entwickelte. Neureuther ist in Garmisch-Partenkirchen zu Hause, er kennt jeden Grashalm des Gudibergs, er ist der Sohn der Skilegenden Christian Neureuther und Rosi Mittermaier, und am Start kann er sogar aufs Haus seiner Eltern schauen. Zusammen mit Maria Riesch, seiner Jugendfreundin, ist er das Gesicht dieser Ski-WM – und auch das der Olympiabewerbung 2018.

Neureuther, der Sensible, hatte während der WM versucht, diesen Druck zu mindern. Er war abgetaucht, er verzog sich auf die Reiteralm und nach Innerkrems zum Training. Aber natürlich konnte er sich dem Druck nicht entziehen, die Erwartungen hatten ihn längst überspült. „Auf mir lastet schon ein extremer Druck“, erzählte er. Er wollte diese Wahrheit als Phrase verkaufen. Denn kurz darauf erzählte er genauso, er komme mit Druck klar, der pralle an ihm ab. Die nächste Phrase.

Aber da hatte er längst die Regeln akzeptiert, die andere aufgestellt hatten. Er redete selber von einer Medaille. Es blieb nur unklar, ab wann er damit nicht bloß einen Traum beschrieb, sondern eine vermeintliche Pflicht, getrieben auch vom eigenen Ehrgeiz. Aber es war ein gefährlicher Satz. Neureuther war während der gesamten Saison nur in zwei Rennen Sechster geworden. Daraus eine große Medaillenchance abzuleiten, war fahrlässig.

Den ersten Hinweis, dass Neureuther unter dem Druck in die Knie gehen würde, gab der Riesenslalom, dessen ersten Lauf er völlig verpatzte. Und nun der Slalom, der erste Durchgang. Platz 22, sagte er, „das ist schon heftig“. Er lächelte, aber es war eine hilflose Geste, um andere auf Distanz zu halten, er wollte jetzt seine Ruhe. Es war vorbei, in dieser Sekunde war das klar – und drei Stunden später endgültig. „Irgendwie“, sagte Neureuther, „ist es jetzt auch eine Erleichterung für mich.“

Dann berichtete er noch von der Begegnung mit dem ebenfalls ausgeschiedenen Österreicher Reinfried Herbst: „Der Herbstl ist zu mir hergekommen und hat zu mir gesagt: Du, wir zwei sind schon solche Trotteln – und hat das eigentlich genau auf den Punkt gebracht.“

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