Sport : Krank durch die Krise

In Zeiten finanzieller Not riskieren Fußball-Profis noch mehr als bisher ihre Gesundheit

Frank Bachner

Berlin. Manuel Friedrich spielte 13 Minuten, bis sein Kreuzband zum ersten Mal riss. Es passierte in einem Testspiel im Juli 2002, Werder Bremen gegen TuS Norderney. Manuel Friedrich vom SV Werder Bremen trainierte rund 30 Minuten, bis sein Kreuzband zum zweiten Mal riss. Das gleiche Kreuzband. Er war mit dem Schuh im Rasen hängen geblieben. Es war sein erstes Training nach knapp fünf Monaten Rehabilitation.

Man könnte jetzt eine tragische Geschichte erzählen. Das große Pech des Manuel Friedrich. Aber für Bernd Kabelka ist das keine Tragik, es ist ein Beispiel für „die Tendenz, die Jungs immer früher ins Feuer zu schicken. Nach knapp fünf Monaten ist das Kreuzband noch weich. Mit einem gesunden Band wäre wohl nichts passiert.“ Kabelka ist Orthopädie-Professor in Hamburg, und er sagt: „Ein operiertes Kreuzband ist frühestens nach sechs bis acht Monaten einigermaßen stabil.“ Aber in der Bundesliga ist selten Zeit, eine Verletzung richtig auszuheilen. Es geht um Prämien und Stammplätze, und deshalb drängen angeschlagene Profis so schnell wie möglich auf den Platz. Die Kirch-Krise macht alles noch schlimmer. Die Kader der Klubs werden verkleinert.

Jens Nowotny ist Nationalspieler. Er muss keine Angst um einen Stammplatz haben, aber er ist für seinen Verein sehr wichtig. Jetzt zog er sich zum zweiten Mal einen Kreuzbandriss zu, beim ersten Einsatz nach monatelanger Rehabilitation. „Das war ein banales Foul, und wenn dabei schon das Kreuzband reißt, zeigt das, wie wenig belastbar es war“, sagt Kabelka. „Er konnte zwar laufen, aber er musste natürlich auch in Zweikämpfe. Damit ist das Risiko sehr hoch.“ Bayerns Profi Hasan Salihamidzic spielte vier Monate nach einem Kreuzbandriss. Dann riss das gleiche Kreuzband wieder.

Ein Mannschaftsarzt kann einen Einsatz verhindern. „Aber einige Teamärzte machen sich zum Diener dieses Systems“, sagt ein Berliner Orthopädie-Professor. Hubert Hoerterer, Chef der Rehaklinik Bad Wiessee, stimmt indirekt zu: „Mannschaftsärzte stehen unter extremem Druck. Aber wir Sportärzte sind nicht dazu da, den Vereinen zu helfen.“ Eine Verletzung wie bei Friedrich könne passieren, „manchmal reißt bei einer banalen Bewegung auch ein gesundes Kreuzband“. Aber er sagt auch: „Die Athleten sollten sich länger Zeit lassen.“

Götz Dimanski sagt, er dränge keinen. Aber der Mannschaftsarzt von Werder Bremen sagt auch, dass er natürlich in dieses System mit Trainer, Manager und Verein eingebunden ist. Dann sagt er auch noch, dass ein Spieler, der einen Bänderriss im äußeren Sprunggelenk hat, „nach 14 Tagen wieder topfit ist“. Nach 14 Tagen. „Das ist übertrieben“, erklärt Hoerterer. „Das dauert schon acht Wochen.“ Übertrieben? „Das ist Blödsinn“, sagt der Berliner Orthopäde. „Auch ein Teamarzt von Werder Bremen kann nicht die Biologie auf den Kopf stellen.“ Vielleicht ist es aber in erster Linie ein Beleg dafür, unter welchem Druck Vereinsärzte stehen. Obwohl Dimanski sagt, er prüfe sehr genau, ob ein Spieler wettkampffähig sei.

Aber die Ärzte haben ja inzwischen ihre eigenen Duelle. Das sagt jedenfalls der Hamburger Kabelka. „Ein Wettbewerb hat begonnen: Wer verkürzt am schnellsten eine Rehazeit? Früher galten nach einem Kreuzbandriss sechs Monate als unterste Grenze. Jetzt redet man von vier.“ Und das, obwohl ihm, da ist er ganz sicher, nichts Wesentliches entgangen ist. „Die Biologie hat sich meines Wissens in den letzten Jahren nicht geändert.“

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