Sport : Kreativ dominant

Wie aus den defensiven Läufern der frühen Jahre die großen Regisseure des modernen Fußballs wurden

Sven Goldmann

Die Orchideen unter den Fußballspielern waren bis in die Fünfzigerjahre hinein die Läufer, eine Spezies, die alles sein sollte und fast gar nichts zählte. Im starren und europaweit kopierten WM-System des FC Arsenal, vom Schweizer Rappan später weiterentwickelt zum Riegel (und noch später von Inter Mailands Schleifer Herrera zum Catenaccio), bestand das Mittelfeld aus linkem und rechtem Läufer, beide eindeutig defensiv geprägt. Der Mittelläufer fungierte als Stopper. Der Rest der Belegschaft teilte sich auf in Stürmer und Verteidiger. Heraus kam ein statisches Spiel, für den Ballführenden war das Geschehen nach gewinn- oder verlustbringender Aktion erst einmal beendet.

Welche Rolle hätte in diesem Gefüge ein Platini gespielt, ein Overath, ein Cruyff? Spielprägende Figuren, die überall auf dem Platz zu finden waren und aus einem statischen ein dynamisches Spiel machten. Heute ist das Mittelfeld der alles dominierende Mannschaftsteil. Der Libero, die revolutionäre Erfindung der Deutschen, ist ihm ebenso geopfert worden wie der Ausputzer und der dritte Stürmer. Wenn die Abwehr als Dreierkette aufgestellt ist und vorn zwei Stürmer lauern, besteht das Mittelfeld aus fünf Spielern, also der Hälfte aller Feldspieler.

Die bahnbrechende Vorbereitung zu dieser Spielart kommt nicht aus Südamerika. Die Brasilianer liefen noch 1970 bei der WM in Mexiko als letzte große Mannschaft mit vier Stürmern auf. Als sie sich vier Jahre später in Deutschland an die taktischen Neuerungen anpassen wollten, ging das gründlich schief. Das war nie so deutlich zu sehen wie bei der 0:2-Niederlage in der Zwischenrunde gegen die Holländer mit ihrem „Fußball total“. Sie hatten unter der Federführung von Ajax Amsterdam mit dem genialen Cruyff den taktischen Zwang der funktionsgebundenen Positionen weitgehend aufgehoben. Bei den Holländern konnte jeder alles spielen. Je nachdem, wer gerade in Ballbesitz war, stürmten Verteidiger und verteidigten Stürmer. Die Brasilianer wurden von Oranje so sehr durcheinander gewirbelt, dass sie mit einer 0:2-Niederlage noch gut bedient waren.

Es war der Beginn einer neuen Zeitrechnung, des modernen Fußballs. Noch immer haben die Holländer schwer daran zu tragen, dass ihre Fußballrevolution im Finale aufgehalten wurde von der deutschen Restauration, symbolisiert vom Manndecker Vogts (der Cruyff neutralisierte) und dem allgegenwärtigen Torwart Maier. Später profitierten auch die Deutschen vom modernen Denken auf dem Platz. Die neue Bedeutung des Mittelfeldes gab Matthäus die Chance, sich vom rein defensiv orientierten Renner zum Weltstar zu entwickeln.

Auf der anderen Seite waren auch technisch begabte Ausnahmespieler wie die Franzosen Platini oder Zidane nie allein Künstler, sie glänzten auch durch ihre durch Laufstärke gekennzeichnete Omnipräsenz auf dem Platz. Allein zwei Spieler hatten so viel Talent, dass sie sich durch ihre bloße Präsenz über alle anderen erhoben: Pelé und Maradona, die Jahrhundert-Genies aus Südamerika.

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