Sport : Kreativ und kraftvoll

Deutschlands Nationalelf berauscht sich am Spiel gegen Argentinien, auch wenn es nur zu einem 2:2 reicht

Michael Rosentritt[Düsseldorf]

Am Mittwochabend gegen halb zehn war der Jürgen Klinsmann plötzlich zehn Jahre jünger. Kevin Kuranyi hatte gerade das 2:1 gegen Argentinien erzielt, und der Bundestrainer sprang hoch, rannte zur Seitenlinie und hüpfte wie wild herum. Seine Augen waren aufgerissen, seine Hände geballt, er schleuderte die Fäuste durch die Luft und stieß unverständliche Laute aus. So haben wir den Stürmer Klinsmann oft gesehen, als er noch selber Tore erzielte für Stuttgart, München, Mailand, Tottenham oder Deutschland. Keiner jubelte schöner. Mittlerweile ist Jürgen Klinsmann 40 und nur noch Trainer, aber seine Leidenschaft für dieses Spiel ist nach wie vor ungebremst. Für diesen Moment hat ihn das Spiel seiner Mannschaft berauscht. Auch wenn es am Ende nur zu einem 2:2 reichte.

Ausgerechnet gegen den zweifachen Weltmeister hatte der Bundestrainer seinen Kapitän Michael Ballack ersetzen müssen. Klinsmann wollte endlich mal wieder einen Großen schlagen. Und dann dieser Ausfall. Was andere an seiner Stelle hätte resignieren lassen, weckte in Klinsmann den offensiven, kreativen Geist. „Ich bin sehr zufrieden wie die Mannschaft gespielt, wie sie die Dinge umgesetzt hat, die wir uns gewünscht haben“, sagte Klinsmann. Seine Spieler, in dieser Zusammenstellung vor einem Jahr nicht mehr als B-Auswahl, hätten sich „reingehauen und einen hohen Rhythmus gefahren“ – und mussten am Ende doch „ein kleines Lehrgeld“ zahlen.

75 Minuten lang lief das Spiel der deutschen Elf ganz nach Klinsmanns Geschmack. Agieren und nicht reagieren, lautet sein Credo – permanentes Pressing, mutiges und aggressives Spiel nach vorn. Die deutsche Elf spielte mit einem enormen Aufwand, investierte physisch wie psychisch mehr als der Gegner. Ganz gleich, ob es den Ball zu erobern galt, oder ob es darum ging, ihn schnell nach vorn zu tragen, alle Mannschaftsteile waren stets in Bewegung. Wann immer es ging, wurde der Pass nach vorn gesucht. Die Deutschen drehten auf, als hätte es nie einen Michael Ballack gegeben. Angetrieben vom Münchner Torsten Frings, der auch das Führungstor schoss, übte die deutsche Mannschaft permanent Druck aus. Ballacks defensiven Part teilte sich Frings mit dem Bremer Fabian Ernst. Bei der offensiven Interpretation der Ballack-Rolle kooperierte Frings mit seinem Münchner Mannschaftskollegen Bastian Schweinsteiger. Der 20 Jahre alte Mittelfeldspieler suchte Dribblings und hatte viele Überraschungsmomente in seinem Spiel. Nach 75 Minuten musste er völlig erschöpft vom Feld. „In dieser Phase haben wir das Spiel nicht mehr beruhigen können“, sagte Klinsmann hinterher. Statt mal auf den Ball zu treten, wollte die Mannschaft weiter „Dampf machen, konnte aber nicht mehr“. Die Kräfte waren verschlissen, die Konzentration nicht mehr vorhanden. Das merkten die raffinierten Argentinier und erkannten ihre Chance. Ein blitzschnell ausgeführter Freistoß überraschte die deutsche Abwehr, Hernan Crespo ließ sich die Chance nicht nehmen und glich zehn Minuten vor dem Abpfiff aus.

„Das Tempo war extrem hoch“, sagte Verteidiger Christian Wörns, der als Routinier die Kapitänsbinde trug. „Wenn wir in der Schlussphase besser stehen, gewinnen wir.“ Philosophischer drückte es Stürmer Kevin Kuranyi aus: „Uns hat das schlaue Spiel gefehlt.“ Und Torhüter Jens Lehmann verstieg sich zu der nicht ganz uneigennützigen Aussage, er habe von der Ersatzbank aus zwar schon viele Spiele gesehen hätte, „aber das war das Beste, das ich seit Jahren gesehen habe“.

Das größte Lob kam aus Argentinien. Trainer José Pekerman, mit den Junioren dreimal Weltmeister, sagte hinterher: „Die Deutschen haben ein zu gutes Pressing gespielt. Was wir auch probierten, sie machten es in der Entstehung zunichte.“ Er hätte auch sagen können: Das haben wir den Deutschen gar nicht mehr zugetraut. Sie haben uns überrascht.

Dass es am Ende wieder nicht zu einem Sieg über einen großen Gegner reichte, ist nicht mehr als ein Schönheitsfehler. „Von mir aus kann der Fluch noch bis 2006 bleiben. Bei der WM gilt’s, die Großen wegzuhauen. Das zählt“, sagte Bastian Schweinsteiger. Für Torsten Frings könne man es ja auch so sehen: „Unter Jürgen Klinsmann haben wir gegen einen Großen nicht mehr verloren.“

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