Sport : Kreative Unordnung

Der FC Bayern hat ein neues System

Daniel Pontzen[München]

Der Abend war zum ausgelassenen Feiern bestimmt gewesen. Ein Feinverköstiger aus München hatte großzügig aufgetischt, Erfrischungsgetränke sämtlicher Alkoholgehalte standen in ausreichendem Maße zur Verfügung und auf einer der lang gestreckten Tafeln funkelte eine goldene Trophäe, es war der DFB-Pokal, die Bayern hatten ihn soeben gewonnen. Es war der vierte Titel, seit Trainer Felix Magath knapp zwei Jahre zuvor sein Amt angetreten hat. Gemessen an herkömmlichen Maßstäben war seine Arbeit also sehr erfolgreich, in Wahrheit war sie sogar erfolgreicher als die all seiner Vorgänger: zweimal Meister und zweimal Pokalsieger, mehr ging nicht national. Und doch waren sie nicht zufrieden an jenem Abend Ende April, es fehlte etwas.

Vordergründig waren das Erfolge auf internationalem Terrain. Die Bayern hatten sich jeweils früh aus der Champions League verabschiedet, in der es heute bei Sporting Lissabon um die Verteidigung der Tabellenführung geht (20.45 Uhr, live bei Premiere). Doch gegen die finanzstärkeren Klubs FC Chelsea und AC Mailand war das Ausscheiden an sich keine Schande. Was bei den Niederlagen mehr beunruhigte: Es fehlte eine klare Strategie, eine fc-bayerische Idee vom Fußball.

Während der FC Barcelona den Ball in phänomenalem Tempo nach vorne zirkuliert, Arsenal London sein künstlerisch wertvolles Vertikalspiel zur Vollendung bringt und Werder Bremen immerhin seinen dynamischen Aktivfußball konserviert, hat das Spiel des FC Bayern wenig Wiedererkennungswert. Die Erfolge beruhten häufig auf genialen Momenten von Spielern wie Zé Roberto und der Treffsicherheit Roy Makaays und Michael Ballacks. Auf nationaler Ebene reichte das.

Vergangenen Samstag, beim 4:2-Sieg gegen Hertha BSC, war etwas Neuartiges zu beobachten: Magath hatte zum wiederholten Mal in dieser Saison einen Drei-Mann-Sturm aufs Feld geschickt, jedoch erstmals in der Besetzung Podolski/Pizarro/Makaay. Und erstmals schien es so, als wisse jeder Spieler genau, was er zu tun hat; die einzelnen Mannschaftsteile griffen harmonisch ineinander. Vor der Viererkette, deren Schwächephase Mitte der zweiten Hälfte einziger Kritikpunkt blieb, übernahm Andreas Ottl zumeist den defensiven Part im Mittelfeld, Mark van Bommel und Bastian Schweinsteiger konstruierten die Angriffe, unterstützt jeweils von einem der drei Stürmer, die wiederum in einer Frequenz ihre Positionen wechselten und über das Feld rochierten, dass schon das Zuschauen kreislaufbelebend wirkte.

Welchen Anteil der Trainer daran hatte, blieb rätselhaft. Lukas Podolski hatte kürzlich spitz angemerkt, man habe im Training kaum das Zusammenspiel im Angriff geprobt, und auch Vier-Augen-Gespräche mit dem Trainer habe es wenige gegeben. Das Einzige, was Magath seinem Sturmtrio nun vor dem Hertha-Spiel mit auf den Weg gegeben habe, berichtete Roy Makaay, sei die beinahe beckenbauerhaft legere Aufforderung gewesen „Lasst euch was einfallen!” (auf Bayerisch: „Gehts naus, spuits Fuaßboi“).

„Das hat so gut ausgesehen, dass wir das auf jeden Fall wiederholen werden”, sagte Magath. Ob das schon heute in Lissabon der Fall sein wird, ist fraglich. „In Europa musst du so spielen, wie wir es in Mailand gemacht haben“, sagte Mark van Bommel, also mit stabilisiertem Mittelfeld und nur zwei Angreifern. Wer also heute die neue kreative Unordnung vermissen wird – in naher Zukunft bleibt den Bayern genug Gelegenheit: In den kommenden 26 Tagen stehen neun Spiele an.

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