Sport : Kriegsende

Wie sogar die Engländer Deutschland lieben lernten

Markus Hesselmann[London]

Metropolitan-Line Richtung Wembley: Eine U-Bahn voll England-Fans auf dem Weg zum Freundschaftsspiel gegen Brasilien. Sie singen „God Save the Queen“ und „Rule Britannia“. Als ein paar Besoffene „Two World Wars and one World Cup“ grölen, den antideutschen Spruch, der die beiden Weltkriege mit dem WM-Triumph über Deutschland in Wembley 1966 gleichsetzt, machen die meisten Fans nicht mehr mit.

Alles Zufall? „Seit der WM in Deutschland werden im Stadion weniger antideutsche Lieder gesungen“, sagt Mark Perryman, einer der Gründer des Fanklubs „London England Fans“. Wer seit dem Sommer 2006 als Deutscher mit englischen Fans oder Journalisten spricht, dem wird so viel ungewohntes Lob schon fast peinlich. Wie gastfreundlich die Deutschen doch waren, was für eine tolle WM sie auf die Beine gestellt haben und was für ein interessantes, modernes Land Deutschland doch sei.

Am 22. August wird die neue Begeisterung auf die Probe gestellt. Dann läuft Deutschland zum ersten Mal im neuen Wembleystadion auf. Im alten hatten sich die Deutschen vor sieben Jahren beim letzten Spiel vor dem Abriss noch einmal so richtig unbeliebt gemacht und durch ein Tor von Dietmar Hamann 1:0 gewonnen. Zur Länderspiel-Premiere in der neuen Arena haben sich die Engländer lieber die Brasilianer eingeladen. Die wollen nur spielen und gegen die kann man in Ehren verlieren. Dann sprang ja sogar ein 1:1 heraus. Die Deutschen kommen nun erst zum zweiten Spiel. Und gegen Deutschland grölen kann man im Zweifel ja auch, wenn man zu einem Spiel gegen Brasilien fährt.

Es wird spannend, wie die englischen Medien mit dem Auftritt der Deutschen in Wembley umgehen. Die WM-Berichterstattung war frei von antideutschen Tönen. Allerdings gab es ja auch kein Spiel gegen die Gastgeber. Erstaunlich ist, dass sich die Medien insgesamt seit der Weltmeisterschaft zurückhalten. Selbst Themen, die mit der Nazizeit direkt zu tun haben und die britische Kommentatoren früher zu genussvollem Deutschen-Bashing genutzt hätten, werden auf einmal differenziert abgehandelt – von Grass bis Oettinger.

Das Stuttgarter Institut für Auslandsbeziehungen kommt in einer Studie zu dem Schluss, dass den Briten mangels Interesse schlicht und einfach das Wissen über die alte Bundesrepublik und das vereinigte Deutschland gefehlt habe. Die positiven Erfahrungen der Fußball-WM hätten das schlagartig geändert. „Ein profanes Sportereignis“ habe offenbar große Veränderungen im Deutschlandbild bewirkt, schreibt Kurt-Jürgen Maaß, der Generalsekretär des Instituts.

Jetzt will die deutsche Tourismusindustrie vom profanen Ereignis profitieren. Owen Hargreaves, der als Jugendspieler einst zu Bayern München kam, wirbt seit einigen Wochen in der Londoner U-Bahn für das Urlaubsziel Deutschland. Der Zeitpunkt für die Werbeaktion mit Englands bestem WM-Spieler war allerdings nicht ganz glücklich gewählt. Am Tag, als die Kampagne begann, vermeldete Manchester United, dass Hargreaves nach langem Hin und Her nun endlich vom FC Bayern freigegeben wurde. Ein Zeitungskommentator schrieb daraufhin, es sei schon komisch, dass Deutschland mit Owen Hargreaves wirbt. „Nachdem er so lange versucht hat, dort abzuhauen.“

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