Krim-Krise : Sportler aus der Ukraine wollen für Russland antreten

170 Sportler aus der Ukraine wollen künftig für Russland starten – der kriselnde Staat kann sie kaum halten. Der Olympiasieger Artur Ajwasjan sagt, warum.

Daria Meschtscheriakowa
Waffengang. Artur Ajwasjan gewann 2008 in Peking olympisches Gold – für die Ukraine. Jetzt will er sich und sein Luftgewehr in russische Dienste stellen.
Waffengang. Artur Ajwasjan gewann 2008 in Peking olympisches Gold – für die Ukraine. Jetzt will er sich und sein Luftgewehr in...Foto: Imago

Artur Ajwasjan erinnert sich noch gut, wie er Ukrainer wurde. 1990 begann der in Armenien geborene Sportschütze sein Studium im sowjetischen Lemberg, ein Jahr später erklärte die Ukraine ihre Unabhängigkeit. „Ich lebte in einem Wohnheim, eines Tages wurden alle Pässe der Studenten eingesammelt, und am nächsten Tag war dort ein Stempel: Bürger der Ukraine.“

Mittlerweile lebt der Olympiasieger auf der Krimhalbinsel und will künftig nicht mehr für die Ukraine in Wettbewerben starten, sondern für Russland. Damit steht der 41-Jährige nicht allein. 170 Athleten, davon 112 von der Krim, wollen künftig für das Land starten, das die umstrittene Halbinsel de facto annektiert hat.

„Es sind nicht wir, die nach Russland wechseln, sondern Russland ist auf die Krim gekommen“, sagt Ajwasjan, der 2008 in Peking die Goldmedaille mit dem Luftgewehr gewann. „Ich will auf der Krim bleiben und für Russland starten, damit ich nicht von vorne anfangen muss.“ Seit 1997 wohnt er in Sewastopol, aber wartet noch immer auf die Wohnung, welche die Ukraine ihm für seine Goldmedaille versprochen habe.

„Wohin soll ich jetzt umziehen? Nach Lemberg zurück? Nein, danke, da hatte ich damals keine Wohnung, kein Geld, keine Trainingsbedingungen.“ Niemand aus der ukrainischen Sportministerium habe ihn bisher kontaktiert. „Aber ich danke der Ukraine für alles, weil ich dort zum Olympiasieger geworden bin.“

Sportanlagen auf der Krim erhalten nur die staatliche Mindestfinanzierung

Wie er fragen sich viele Sportler, warum sie aufs ukrainische Festland ziehen sollen, wenn die Krim doch ihr Zuhause ist. Die Situation des Sports auf der Krim ist tatsächlich deprimierend. Doch die Sportanlagen erhalten seit langem nur die Mindestfinanzierung vom Staat. Trotzdem hat der Sportverband der Krim russischen Gewichthebern die Wettkampfstätten in Koktebel als Trainingsort angeboten. Ohnehin leben die besten ukrainischen Gewichtheber und ihre Trainer auf der Krim. Aber sie haben keine Lust mehr, die Ukraine zu vertreten.

Doch was macht die Ukraine, um diese Athleten nicht zu verlieren? „Wir haben kein Geld für die Sportler“, sagt Dmytro Bulatow, Minister für Jugend und Sport in der Ukraine. „Aber wir haben allen Krim-Sportlern gute Bedingungen angeboten, so dass sie weiterhin Sport treiben könnten.“ Doch es sei schwierig, jene zu unterstützen, die nicht auf dem ukrainischen Festland, sondern auf der Krim leben. „Wir helfen ihnen gerade“, sagt er. Wie? „Das will ich nicht sagen.“

Für Bulatow ist Sport Neuland, er hat den Posten bekommen, weil er bei der Revolution auf dem Maidanplatz in Kiew sehr aktiv war. Er war Leiter der Protestgruppe Automaidan. Im Januar, während der Eskalation der Krim-Krise, wurde er von Unbekannten entführt und gefoltert, ihm fehlt ein halbes Ohr.

Säbelfechterin Olga Charlan sieht Wechsel als Verrat an Ukraine an

„Ich kann die Krim-Athleten nicht verstehen“, kritisierte die beste Säbelfechterin der Ukraine, die Welt- und Olympiasiegerin Olga Charlan. „Wie können sie nur die ukrainische Fahne verraten?“

Für welches Land ein Athlet antritt, ist eigentlich geregelt. Artikel 41 der Olympischen Charta besagt, dass ein Athlet nach dem Wechsel der Staatsbürgerschaft erst drei Jahre nach dem letzten Wettkampf für sein früheres Land wieder an den Olympischen Spielen teilnehmen kann. Aber zuerst muss ein Wechsel der Staatsbürgerschaft erfolgen. Ob die Ukraine den Sportlern den Wechsel erlaubt, dazu hat sich Minister Bulatow bisher nicht geäußert. Bis heute sind alle Krim-Athleten noch für die Ukraine für alle internationalen Wettbewerbe gemeldet.

In Russland wäre die Konkurrenz für die Athleten zudem größer. Ajwasjan würde Spitzenathlet bleiben. Für andere werden schon die Entfernungen zur Herausforderung, sie müssten zu Wettkämpfen fliegen statt mit dem Bus anzureisen. Fraglich ist auch, ob Russland eine sportlich eher schwache Region finanziell fördern will oder die Athleten den Start bei internationalen Turnieren künftig vergessen können.


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