Sport : Krise auf unterstem Niveau

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Sven Goldmann über das Dilemma

bei Hertha BSC

Es hat sie schon immer gegeben: Zeiten, in denen es nicht so gut lief für Hertha BSC. In der jüngsten Vergangenheit waren es Krisenzeiten auf hohem Niveau. Neben den Bayern waren die Berliner in den vergangenen fünf Jahren der einzige Bundesligaklub, der sich stets für einen internationalen Wettbewerb qualifiziert hat. Wenn damals zwei, drei Spiele in Folge verloren gingen, beendete Herthas Manager Dieter Hoeneß noch jedes Krisengerede mit dem Verweis, Tabellenstände seien nur Momentaufnahmen, abgerechnet werde am Saisonende. Es fällt auf, dass er das in dieser Saison nicht tut – und das, obwohl Hertha BSC so schlecht positioniert ist wie zuletzt im Aufstiegsjahr 1997.

Natürlich ist die Bundesligatabelle auch nach dem 13. Spieltag dieser Saison nur eine Momentaufnahme, aber eine sehr aussagekräftige, wenn man sich nicht allein der Platzziffer, sondern auch den folgenden Spalten widmet. Hertha BSC hat in 13 Spielen zwölf Tore geschossen – harmloser sind nur die derzeit auf den Abstiegsplätzen verweilenden Teams aus Mönchengladbach, Köln und Frankfurt. Die Abwehr hat 25 Tore hinnehmen müssen – freundlicher waren nur die Kollegen aus Wolfsburg und Hannover. Zusammen ergibt das eine Tordifferenz von minus 13, unterboten nur von Aufsteiger Köln. Das sind die Werte eines Abstiegskandidaten, der vor der Saison noch von der Champions League schwadroniert hatte.

Der Umgang mit dieser Realität fällt schwer. Nie zuvor wirkten Dieter Hoeneß und Huub Stevens so ratlos wie nach dem 2:4 gegen den 1. FC Kaiserslautern. Alle Fragen danach, wie denn das habe passieren können, nach einer 2:0-Führung gegen die jenseits aller Kritikwürdigkeit dilettierenden Lauterer, leiteten Manager und Trainer um in die Kabine: „Fragen Sie die Mannschaft.“ Das ist eine neue Qualität im Umgang mit dem kickenden Personal. Hoeneß und Stevens stellen sich nicht mehr vor die Mannschaft, sie weisen ihr in aller Öffentlichkeit die volle Verantwortung zu. Diese Schuldzuweisung ist in der Sache gerechtfertigt, aber keineswegs geeignet, das Selbstwertgefühl der Spieler zu erhöhen. So etwas lässt sich, zumal in Zeiten sportlicher Not, auch mit noch so viel gutem Willen nicht als Strategie interpretieren.

Die Ratlosigkeit kommt nicht von ungefähr, denn langsam gehen der Vereinsführung die Disziplinierungsmaßnahmen aus. Mit der Entlassung von Spielern hat Hoeneß schon einmal öffentlich gedroht – und offensichtlich geblufft. Auch den maximalen Reizpunkt hat Hertha bereits gesetzt, mit einem Gewinn-zweimal-oder-geh-Ultimatum an Stevens, dessen Geist an den Charakter der Spieler appellierte, nach außen aber nur als Diskreditierung des Trainers verstanden wurde. Der Gewinn ist bescheiden. Hertha hat das Ultimatum verpulvert für zwei siegreiche Bundesligaspiele gegen die Abstiegskandidaten Rostock und Mönchengladbach und den Einzug in die dritte Pokalrunde. Sportlich ist der Klub keinen Schritt vorangekommen. Mannschaft und Trainer scheinen weiter denn je voneinander entfernt zu sein, der Korpsgeist weicht der Wahrung von Eigeninteressen. So sieht sie aus, die Momentaufnahme im November 2003. Wenn sie bis zum Saisonende erhalten bliebe, hätte das auch etwas Positives: Hertha stiege als Tabellenfünfzehnter nicht ab.

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