Sport : „Krisen kannst du nicht üben“

Herthas Vorstandschef über sich, persönliches Glück und die Zukunft des Vereins

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Herr Hoeneß, Sie haben eine furchtbare Saison mit Hertha BSC hinter sich, die ein glückliches Ende hatte. Haben Sie in dieser Zeit etwas über sich gelernt?

Ich glaube, ich weiß jetzt, wie viel Glück ich in meinem Leben hatte. Ich will gar nicht darüber jammern, dass mich in dieser Saison, in der bei Hertha so viel Negatives zusammengekommen ist, das Glück uns so oft verlassen hat. Das ist auch nicht der alleinige Grund für unser schlechtes Abschneiden. Ich will nur sagen: Ich habe zu schätzen gelernt, wie gut es das Schicksal bisher mit mir meinte.

Nicht nur im Beruf.

Das meine ich ja. Ich bin rundum ein glücklicher Mensch, frei in seinen Entscheidungen, und man vergisst so schnell, dass das ja nicht selbstverständlich ist. Deshalb bin ich dankbar, dass diese Krisensaison, dieses Seuchenjahr, mich auch daran erinnert hat. Ich kann das jetzt wieder viel mehr schätzen.

Hat Sie diese Saison verändert?

Das nicht. Weil ich mir auch in dieser Saison treu geblieben bin.

Sie sagen gerne, Sie möchten authentisch bleiben. Wer ist der authentische Dieter Hoeneß?

Ein Überzeugungstäter. Ich habe Herzblut und Leidenschaft, aber ich versuche, auch mit nüchternem Verstand an die Dinge zu gehen. Manchmal bin ich sehr emotional, aber glauben Sie mir, ich bin der Erste, der sein Verhalten danach hinterfragt. Es mag aus meinem Mund eigenartig klingen, aber ich möchte gerecht sein, auf andere mag das manchmal stur wirken, aber das bin ich nicht, gegen diese Beschreibung wehre ich mich.

Besteht nicht die Gefahr, dass man ungerecht wird, wenn man von einer Sache so felsenfest überzeugt ist?

Es besteht die Gefahr, dass man Fehler macht. Aber man macht diese Fehler dann im besten Gefühl, das Richtige zu tun.

Wenn Sie cholerisch werden, laut und zornig. Was denkt Dieter Hoeneß dann abends über sich selbst?

Dass ich überreagiert habe, dass es vielleicht zu emotional war. Ich mache mir diese Gedanken. Aber ich sage auch: Wer mir offen gegenübertritt, wer mich ein bisschen akzeptiert, so wie ich bin, der wird auch feststellen, dass ich zehn Minuten später auch ganz schnell wieder vergessen kann, der Ärger weg ist. Ich bin nicht nachtragend, und ich schätze Menschen, mit denen ich mich auseinander setzen kann und die akzeptieren, dass auch mal die Fetzen fliegen, ohne dass man gleich grundsätzlich für alle Ewigkeiten zerstritten bleibt.

Man kann auch Sie mal anbrüllen?

Naja, wenn man mich nicht gleich beleidigt. Klar, ich kann das auch ab, ich bin ja auch so. Wichtig ist nur, dass danach die Kommunikation noch möglich ist, dass man auch anders miteinander kann. Da bin ich eben auch Sportler. Und auch ich wünsche mir Harmonie und brauche meine Streicheleinheiten wie jeder andere Mensch.

Was treibt Sie zur Weißglut?

Undifferenziertheit, pauschale Urteile. Vorurteile. Damit habe ich ein riesiges Problem. Wenn Leute Argumenten nicht mehr zugänglich sind und ich das Gefühl habe, ich werde ungerecht behandelt oder Menschen, die mir privat oder beruflich nahe stehen.

Sind Sie in diesem Jahr ungerecht behandelt worden?

Das bin ich. Aber ich werde darüber nicht jammern. Es ist einfach eine Feststellung. Ich habe mich in Bereichen angegriffen gefühlt, die nicht richtig waren.

Zum Beispiel?

Dieses Gerede vom Alleinherrscher, vom Allwissenden, der niemanden neben sich groß werden lassen will. Ich kann es nicht mehr hören.

Was entgegnen Sie als Argument, wenn man sagt, Sie umgeben sich mit Ja-Sagern und Abnickern?

Ich frage nach dem Beleg. Es gibt nämlich keinen. Und ich will mich nicht für Urteile rechtfertigen müssen, die falsch sind. Außerdem wird jede Führungsperson immer auch in den Verdacht geraten, seine Mitarbeiter ab und an zu überfordern. Das ist aber immer noch besser als umgekehrt, würde ich sagen. Denn die Konsequenz wäre ja, seine eigenen Ansprüche runterzufahren, aber das kann ja im Sinne des Vereins nicht das Ziel sein.

Was ist jetzt, nach dieser Saison, das Ziel des Vereins Herthas BSC, nicht nur der Profimannschaft, was werden Sie heute Abend auf der Mitgliederversammlung sagen: Wer ist Hertha BSC im Jahr 2004?

Es geht eben um so viel mehr als nur um den Erfolg in einer Saison. Hertha BSC ist noch immer Aufbruch, noch immer Vision, aber die wird klarer, fassbarer. Schauen Sie nur aus dem Fenster…

(…zeigt hinaus auf das riesige Vereinsgelände…)

Ich werde den Verein nicht nur am aktuellen Tabellenstand festmachen, und wer es ehrlich mit uns meint, der wird das auch nicht tun, auch wenn für die Fans natürlich der Fußball, die Spiele, das aktuelle Team das Wichtigste sind.

Die Vereinsstruktur – Stadion, Fußball-Akademie, Umfeld – hat schon längst internationales Top-Niveau. Haben Sie nicht Angst, dass die Mannschaft da nicht mithalten kann?

Nein. Die Mannschaft hat die Substanz, wieder weiter oben mitzuspielen, und wir sprechen ja von einem einstelligen Tabellenplatz. Vielleicht hätten wir ehrlicher sein müssen mit dem, was in den letzten beiden Jahren machbar war. Wir mussten wegen der Kirch-Krise und auch wegen des Stadionumbaus auf sehr viele Millionen Euro verzichten. Die Konsequenz war, dass wir weniger investieren konnten. Aber wir hätten den Leuten auch sagen müssen, dass wir auch sportlich bescheidener werden müssen, dass wir Erwartungen dämpfen müssen.

Jetzt haben Sie einen Trainer geholt, den die Fans mögen, aber über dessen Fähigkeiten man nicht viel weiß und der bei 1860 München nicht gerade erfolgreich war?

Ich werde nicht über 1860 München reden, aber gerne über Falko Götz.

Nur zu!

Er hat ein ganz klares Konzept, wie Fußball ausschauen soll. Das habe ich auch in den vier Monaten im Härtetest erlebt. Falko Götz setzt auf die Jugend, und er hat aus den Erfahrungen in München gelernt. Krise kannst du nicht üben, du musst sie durchmachen. Ich glaube, dass er aus dieser Münchner Zeit gereifter kommt, als wenn er dort Erfolg gehabt hätte. Er ist entwicklungsfähig, er fragt nicht, wie hättet ihr es denn gern, sondern er hat einen eigenen Plan.

Wie sieht Ihr eigener Plan für Hertha aus?

Das weiterzuführen, was wir begonnen haben: Wir wollen einen durch und durch funktionierenden Verein, wirtschaftlich gesund, sportlich erfolgreich. Unser Stadion wird wunderschön, unser Trainingsgelände ist eines der modernsten in Europa, viele Bundesliga-Vereine kommen zu uns, um sich zu informieren, um zu fragen, wie habt ihr dies oder jenes angestellt.

…und Sie sagen dann?

Dass wir mehr Substanz aufgebaut haben als andere, und das wird sich auszahlen. Unsere Nachwuchsarbeit ist vorbildlich. Sie wird eine Basis sein für die Zukunft. Und würden nicht alle stolz sein, wenn wir einen Sebastian Deisler aus der eigenen Jugend heraus entwickeln könnten. Wir sind doch da auf bestem Wege, haben 29 Nachwuchs-Nationalspieler in verschiedenen Altersklassen. Ich will um Gottes willen nicht diese schlechte Saison damit vergessen machen, ich will nur dafür werben, sich alles anzuschauen. Wir werden die Kontinuität wahren, wir waren in Gefahr, aber wir können weitermachen auf unserem Weg.

Haben Sie Angst davor, dass die Mitglieder die Krise nicht als Chance sehen, sondern Sie abstrafen wollen?

Nein, unsere Mitglieder haben auch bisher immer gesehen, was wir insgesamt geleistet haben. Auch das Krisenmanagement in dieser Saison war ja so schlecht nicht. Wir waren geschlossen, wir haben mit allen Gremien geschlossen gekämpft. Die Sponsoren haben sich zu uns bekannt, und die Fans haben mit ihrer Unterstützung demonstriert, wie wichtig ihnen der Verein ist.

Geschlossenheit war früher nicht gerade die Stärke von Hertha. Wie wichtig ist für den Vorstandschef Dieter Hoeneß ein funktionierender Aufsichtsrat?

Sehen Sie, das hat gar nichts mit meiner Person zu tun. Es geht nicht um Dieter Hoeneß. Diese Gremien sind nicht für mich wichtig, sondern für das Funktionieren des Vereins, auch und gerade in der Krise. Ich sage hier ganz deutlich, wenn wir in diesem Jahr nicht diese Geschlossenheit gehabt hätten, dann wären wir abgestiegen.

Steht diese Geschlossenheit am Montag auf dem Spiel?

Ich will es so sagen: Es gab hier eine Zeit, wo Hertha BSC dafür kritisiert worden ist, dass ständig vielstimmig gesungen wurde. Jetzt macht der Verein es anders, wir diskutieren intern, auch sehr kontrovers, aber nach außen vertreten wir eine gemeinsame Linie – und dafür sollen die Gremien jetzt bestraft werden? Das würde doch kein Mensch verstehen.

Das Interview führten Sven Goldmann und Armin Lehmann.

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