Krisenstimmung : Die Eisbären verspielen das Erbe

Der deutsche Eishockeymeister Eisbären Berlin ist in eine strukturelle Krise gerutscht. Auf einmal ist wieder Eishockey der alten Schule angesagt.

Claus Vetter

Spaßige Fotos gibt es von der Exkursion der Eisbären an den Ural. Da posieren die Stürmer Tyson Mulock und Alexander Weiß vor dem Mannschaftshotel Laguna und dann ist Kotrainer Hartmut Nickel, frierend und rotnasig, auf einer großen Kreuzung in Magnitogorsk zu sehen. Reiseschnappschüsse halt, man ist ja nicht jeden Tag im Südural, 3500 Kilometer weit weg von der Heimat. Ach ja, Eishockey wurde am Mittwoch in Magnitogorsk auch noch gespielt: Vom russischen Spitzenklub Metallurg, die Eisbären haben sich das aus nächster Nähe angeschaut. Zwölf Spielminuten lang, nach denen führte der Favorit im zweiten Gruppenspiel in der Champions League nämlich schon uneinholbar 4:0.

Es ist am Ende wenig tröstlich, dass der Deutsche Meister dann zwei Drittel lang mithielt und „nur“ 2:5 verlor: Die Art und Weise, wie die Eisbären in Russland aufs Eis stolperten, ließ an einer gewissen Ernsthaftigkeit zweifeln. Einen ersten Saisonhöhepunkt geht man anders an, derartige Konzentrationsschwächen hat es vor ein paar Jahren bei den Berlinern erst gegeben, als das Verhältnis zwischen Team und Trainer Pierre Pagé zerrüttet war.

Meisterhelden als Hypothek

Vor dem unrühmlichen Ende der Ära Pagé funktionierte aber vieles anders bei den Berlinern. Da sprachen sie in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) von der vorbildlichen Nachwuchsförderung in Berlin. Das Erbe wurde von Pagés Nachfolger Don Jackson in der Vorsaison erfolgreich zum deutschen Meistertitel verwaltet – das Erbe wurde ausgegeben, aber nicht vermehrt: Talente aus der Ära Jackson haben den Sprung in das DEL-Team nicht geschafft. Das Resultat: In der Not wurde nun Norman Martens nach anderthalb Jahren wieder in den zu kleinen DEL-Kader berufen – mit 22 Jahren. Martens galt bei Pagé längst als durchgefallenes Talent. Aber Jackson hat eben nicht junge Spieler nach Berlin gelockt wie sein Vorgänger oder sie gefördert. Seine Philosophie ist anders. „Notfalls spiele ich auch mit fünf Verteidigern und acht Stürmern“, sagt Jackson.

Das ist Eishockey der alten Schule, wobei die Berliner Spieler haben, die sich da auskennen müssten: Die Idee, die Verträge mit den altgedienten Meisterhelden wie Mark Beaufait oder Andrew Roach zu verlängern, erweist sich als Hypothek, die Gegenwart der Eisbären ist düster: Seit sechs Spielen haben sie nicht mehr nach 60 Minuten gewonnen. Nach Magnitogorsk wird es schwer, die Russen vom ersten Gruppenplatz der Champions League zu verdrängen. Und in der DEL, da steht den Eisbären ein heiteres Wochenende bevor: Am Freitag treten sie als Tabellenachter beim Dritten Iserlohn an und am Sonntag geht es nach Hamburg.

Immerhin sollte der Ablenkungsfaktor bei den Eisbären am Freitag vor dem Spiel in Iserlohn kleiner sein als in Magnitogorsk: Die Mannschaft hat ihr Quartier in Bochum.

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