Sport : Kritik der rheinischen Vernunft (Glosse)

Helmut Schümann

Dass Der 1. FC Köln nun wieder in der Bundesliga spielt, ist an sich ja ein erfreuliches Ereignis. Da gehört er hin, als Gründungsmitglied sowieso und kraft genetischer Bestimmung auch. Demnach ist es dem Rheinländer im Allgemeinen und dem Kölner im Speziellen sozusagen in die DNS. gelegt, fortwährend lustig zu sein, Tore zu erzielen und Siege einzufahren. Das war immer so, das wird auch so bleiben und ist zum Beispiel an der Stabilität etwa der Fortuna aus Düsseldorf (Dritte Liga, Platz sechs) abzulesen und eben auch am Abstieg des FC, der ja wie man nun weiß, nur eine vorübergehende Unpässlichkeit der Natur war.

So weit ist also wieder alles gut. Wäre da nicht Ewald Lienen, der Trainer des FC, und die mit ihm verbundene Frage, ob der FC des neuen Jahrtausends auch der FC der Historie ist. Also der FC, der der Liga und seinen Freunden als nie versiegender Quell hoher folkloristischer Unterhaltung so ans Herz gewachsen war. Die Methode, mit der Lienen das Naturgesetz des Kölner Wiederaufstiegs vorweggenommen hat, lassen Schlimmstes befürchten. Zur Basis des Erfolges hat der gebürtige Bielefelder (Ost-Westfalen, also aus Kölner Sicht irgendwo tief unten im freudlosen Keller) nämlich vorab eine Kritik der rheinischen Vernunft walten lassen. Deren kategorischen Imperativ hat der einheimische Kunsthistoriker Heinrich Lützeler einst bündig formuliert: "Et hät noch immer jot jejange."

Eben nicht, hatte Lienen gesagt und diese Säule rheinischer Lebensphilosophie kurzerhand umgetreten. Solange Lienen da sein wird, dürfte es so launige Analysen wie die des vormaligen Vizepräsidenten Bernhard Worms also nicht mehr geben. Der hatte im Katastrophenjahr 1998 in einer 1:3-Heimniederlage "die Wende" erkannt - "die Tore lassen wir jetzt mal beiseite". Und dass sie in Köln die Feste auch feiern, wie sie nicht fallen, ist ebenfalls perdu. Schade drum, weil ja auch Toni Polster, jener zum Rheinländer mutierte österreichische Mittelstürmer, nie mehr in den Stunden der größten Not mit den "Fabulösen Thekenschlampen", einer eingeborenen Frauen-Band, fröhliche Lieder schunkeln wird.

Nun mag man einwenden, dass die Vertreibung des Karnevals durch die schmallippige, trockene Disziplin Lienens notwendig fürs Gelingen war. Wie ja überhaupt der FC immer oben war, wenn Fachlichkeit herrschte am Geißbockheim. Zuletzt war das unter Christoph Daum der Fall, Platz zwei sprang seinerzeit dabei raus. Aber ist diese Art von Nüchternheit wirklich wünschenswert? Hoffnung kommt allerdings aus der Historie. Dergleichen hält nämlich nicht vor. Nicht mal der große Hennes Weisweiler - obwohl Rheinländer ein Mann von preußischer Berufsauffassung - hat den FC langfristig in die Moderne bugsieren können. Das wird auch Lienen nicht gelingen, denn das Rheinische ist stärker. Keine Sorge, et hät noch immer jot jejange.Aus der Sport-Serie "Im Spiegel des Tages"

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