Sport : „Kritik ist Kultur“

Franz Beckenbauer über die Gurus im deutschen Fußball, rot-grüne Verbündete und über die Kunst, eine Weltmeisterschaft zum Spektakel zu machen

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Herr Beckenbauer, wie wichtig ist die FußballWeltmeisterschaft 2006 für Deutschland?

Oh, da könnte ich viel erzählen, aber meine Zeit ist knapp. Wir müssen gleich zum Flughafen fahren und den Fifa-Präsidenten Sepp Blatter abholen.

Gut, dann machen Sie es kurz.

Die WM ist die optimale Gelegenheit für dieses Land, sich vor der ganzen Welt zu präsentieren. Und ich meine wirklich die ganze Welt, Sie kennen ja die Einschaltquoten. Aber diese Chance ist auch eine Verpflichtung: Diese WM kann nur dann einen Anschub für das ganze Land bewirken, wenn jeder Einzelne seinen Teil dazu beiträgt.

Wenn es um die Fußball-WM geht, kennen die Deutschen keine Parteien und Weltanschauungen mehr, sondern nur noch Begeisterung. Die Zustimmungsquote ist so hoch wie früher bei den Volkskammerwahlen in der DDR.

Ja, über 90 Prozent, das ist schon gigantisch. Die Leute freuen sich, denn es ist ja auch das größte Spektakel seit langem – und für lange Zeit. So etwas wird es in den nächsten Jahrzehnten in Deutschland nicht mehr geben.

Die Akquisition dieser WM war das vielleicht letzte Glanzstück eines Landes, das in letzter Zeit vor allem mit sich selbst beschäftigt war. Verraten Sie uns mal Ihr Erfolgsgeheimnis.

Der Vergleich mit der Politik ehrt uns, aber das ist ein anderes Geschäft.

Dann vergleichen Sie Ihr Projekt halt mit der missratenen Berliner Bewerbung für Olympia 2000. Was haben Sie besser gemacht, was die Berliner schlechter?

Auch das ist schwer zu sagen. Schauen Sie, im IOC gibt es über 100 Mitglieder, die über die Olympiastadt abstimmen. Die kannst du natürlich alle kontaktieren, das ist ein mühsames Geschäft. Über die Fußball-Weltmeisterschaft entscheiden gerade 24 Mitglieder der Exekutive. Und die kenne ich auch noch alle persönlich, mit vielen bin ich seit Jahrzehnten befreundet. Das macht die Sache übersichtlicher als eine Olympiabewerbung.

Das große Kunststück dieser WM-Bewerbung war, dass Sie Ihren Hauptkonkurrenten Südafrika nie diskreditiert, sondern ihm Unterstützung zugesagt haben: für eine neue Bewerbung um die WM 2010. BMW hat sich in Pretoria schon als offizieller Sponsor gemeldet. Was machen Sie?

Abwarten, was bei der Vergabe im nächsten Jahr passiert. Es ist ja bisher nur sicher, dass die WM nach Afrika geht, neben Südafrika werden sich auch noch andere Länder bewerben. Wer dann den Zuschlag erhält, wird von uns unterstützt. Dazu stehen wir, aber vorher bleiben wir neutral.

Fühlen Sie sich den Südafrikanern nicht moralisch verpflichtet? Immerhin haben die Deutschen sich für 2006 gegen eine Bewerbung durchgesetzt, die Sympathien aus der ganzen Welt bekam.

Wir haben damals hart gearbeitet und uns am Ende durchgesetzt. Natürlich hat der eine oder andere unterlegene Bewerber nachgekartet, aber das ist doch normal nach einer Entscheidung dieser Tragweite.

Es war damals, im Juli 2000, viel von Mauschelei die Rede. Nach der Abstimmung gab es Ärger, weil Charles Dempsey, der ozeanische Delegierte, sich der Stimme enthielt, obwohl er von seiner Konföderation den Auftrag hatte, für Südafrika zu stimmen. Die Europäer sollen ihn massiv unter Druck gesetzt haben.

Das ist nicht richtig, auch wenn es oft so dargestellt wurde. Dempsey hatte den Engländern seine Stimme versprochen. Kein Problem, Charly, habe ich ihm gesagt, aber wenn die Engländer ausscheiden, dann kannst du doch für uns stimmen. Das hat er uns so zugesagt. Das habe ich schriftlich.

Warum hat er sich dann enthalten?

Er ist von anderer Seite unter Druck gesetzt worden. Eine Woche vor der Abstimmung hat er mich angesprochen: Seine Premierministerin setze ihn unter Druck, Nelson Mandela habe angerufen und was weiß ich wer. Der Mann war 79 Jahre alt. Da sind wir schon ein bisschen unruhig geworden.

Und dann?

Einen Tag vor der Entscheidung in Zürich hat Lennart Johansson…

…der europäische Verbandspräsident, der die deutsche Bewerbung unterstützte…

…also, der Johansson hat noch mal mit Dempsey gesprochen, und er war dann so verunsichert, dass er am Ende gar keinem seine Stimme gegeben hat. Wir waren also die Geschädigten, und nicht die Südafrikaner, denn wir hatten ja seine Zusage.

Am Ende hieß es, das deutsche Geld habe sich durchgesetzt gegen die moralische Verpflichtung, erstmals eine WM nach Afrika zu vergeben. Die hohen Investitionen deutscher Firmen in Fernost werden ihre Wirkung auf das Abstimmungsverhalten der entsprechenden Delegierten nicht verfehlt haben.

Ich sage Ihnen, was am Ende den Ausschlag für uns gegeben hat: Wir haben eine sehr professionelle Bewerbung abgeliefert. Und dazu eine bayerisch lockere Präsentation, mit Humor und Selbstironie. Die entscheidenden Anstöße sind übrigens von außen gekommen. Nehmen Sie zum Beispiel André Heller…

…den österreichischen Künstler, der für die Präsentation bei der Abstimmung vor drei Jahren in Zürich zuständig war.

Er hat so verschiedene Charaktere wie den Bundeskanzler, Boris Becker, Günter Netzer oder Claudia Schiffer dazu gebracht, eine Viertelstunde lang die Daumen zu drücken, während ich meine Rede gehalten habe. Na, so was müssen Sie erst mal schaffen!

Für Bundeskanzler Schröder und seine rot-grüne Regierung war die erfolgreiche WM-Bewerbung einer der ganz wenigen Aktivposten der ersten Legislaturperiode. Was sagt denn der Aufsichtsratsvorsitzende Ihres Klubs Bayern München dazu?

Der Edmund Stoiber? Ja, der hat sich natürlich auch gefreut. Mir geht es bei so einem Projekt auch nicht um die politische Richtung, da hat jeder seine eigene Meinung. Tatsache ist, dass die Bundesregierung uns bei der WM-Bewerbung ganz entscheidende Hilfe geleistet hat, der Kanzler, der Außenminister, auch der damalige Finanzminister Lafontaine…

… der dem Weltverband Fifa eine umstrittene Steuerbefreiung zugesagt hat.

Natürlich, die Fifa hat nun mal Wünsche. Wenn man die entsprechenden Garantien nicht gibt, dann braucht man sich erst gar nicht bewerben.

Der sozialdemokratische Innenminister Otto Schily wirkt in der Öffentlichkeit manchmal wie Ihr größter Verbündeter.

Herr Schily hat uns sehr geholfen, vor allem in der Endphase der Bewerbung. Im Frühjahr 2000, also drei Monate vor der WM-Entscheidung, gab es ein Freundschaftsspiel in Rotterdam, Deutschland gegen Holland. Unsere Konkurrenten, vor allem die Engländer, haben nur darauf gewartet, dass da mit den Hooligans irgendwas passiert. Es ist ruhig geblieben, weil der Innenminister alles kontrolliert hat, alle Straßenverbindungen, alle potenziellen Gewalttäter wurden aus dem Verkehr gezogen. Oder ganz aktuell: Schauen Sie sich das Kulturprogramm an, das wir mit der Bundesregierung auf die Beine stellen.

Dieses Kulturprogramm ist Ihrem Organisationskomitee weitgehend aus der Hand genommen worden. Die Bundesregierung hat Ihnen auf Druck des Bundestags einen Aufpasser zur Seite gestellt, der über die Inhalte und deren Finanzierung wacht.

So kann man das nicht sagen. Die Bundesregierung engagiert sich beim Kulturprogramm, weil es ja auch ihr Geld ist, das da ausgegeben wird. Wir freuen uns über die Hilfe der Politik. Und wir haben ja unseren Kunstkenner dabei.

Das ist Fedor Radmann, einer Ihrer engsten Vertrauten, der wegen des Vorwurfs geschäftlicher Interessenskonflikte nicht ganz freiwillig als Vizepräsident aus dem Organisationskomitee ausgeschieden ist.

Das stimmt nicht. Es sind Vorwürfe gegen Herrn Radmann erhoben worden, die hat er alle entkräftet. Danach ist er auf eigenen Wunsch als Vizepräsident des OK ausgeschieden. Jetzt kümmert er sich als unser Sonderbeauftragter gemeinsam mit André Heller um das Kulturprogramm. Dieser riesige Fußball-Globus hier in Berlin auf dem Pariser Platz, das war André Hellers Idee.

Profitiert denn auch die zuletzt recht armselige deutsche Fußball-Kultur von der WM im eigenen Land?

Die Fußball-Kultur wird sich ganz gewiss verändern, aber davon werden wir 2006 noch nicht viel merken. Die ganzen Nachwuchsprogramme, die zuletzt angeschoben worden sind, werden unsere Konkurrenzfähigkeit in den nächsten 10, 15 Jahren sicherstellen. Für 2006 ist das zu spät. Ich kann ja nicht sagen: Jetzt baue ich ein Fußball-Internat, und im nächsten Jahr habe ich zehn neue Weltklassespieler.

Aber ohne eine erfolgreiche deutsche Nationalmannschaft könnte es eine freudlose WM werden.

Da haben Sie Recht. Wir können eine hervorragende WM organisieren, aber wenn die deutsche Mannschaft in der Vorrunde ausscheidet, dann ist die Luft raus. Wir wollen ja die gute Stimmung im Lande möglichst lange aufrechterhalten. Das geht nun mal nur, wenn die Deutschen möglichst lange mitspielen. Aber warum sollte uns in drei Jahren nicht das gelingen, was uns vor einem Jahr bei der WM in Asien gelungen ist?

Von welcher Bedeutung ist denn ein über alle Kritik erhabener Teamchef für dieses Projekt 2006?

Da reicht als Antwort ein einziger Satz: Es gibt nur einen Rudi Völler. Und den haben wir. Glücklicherweise.

Hatten Sie nicht Angst, dass Völler den Job hinschmeißt? Dass ihn der zuletzt ausgefochtene Streit über die Kultur der Kritik zermürbt?

Keine Sekunde lang! Dafür macht der Rudi den Job viel zu gern, und das weiß er auch. Es hatten sich halt Dinge aufgestaut, die er loswerden musste. Dass es am Samstag nach dem Island-Spiel vor laufenden Fernsehkameras raus musste – na ja. Aber jetzt hat man sich ausgesprochen, also kann es weitergehen.

Völlers Rundumschlag gegen die nörgelnden Altstars hat nicht nur Günter Netzer getroffen. Auch Sie zählen zum exklusiven Kreis der so genannten Gurus, über die der Teamchef sich beschwert hat.

Ach was, zurückhaltender als ich in den letzten Jahren kann man sich doch gar nicht zur Nationalmannschaft äußern. Zum Rudi Völler würde ich eh nie etwas Negatives sagen, weil er ja mal mein Spieler war. Aber grundsätzlich muss natürlich gelten: Ein schlechtes Spiel kann nicht gutgeredet werden. Wenn man überhaupt kein kritisches Wort mehr äußern darf, dann können wir den Laden gleich zumachen.

Teilen Sie den Eindruck, dass die Kritik in Deutschland zu weit geht?

Nie im Leben! Was sollen denn die Engländer sagen, die Spanier oder die Italiener? Was glauben Sie, wie die Spieler da nach schlechten Spielen verrissen werden, dagegen sind unsere Reporter und Experten doch noch harmlos. Und noch eines: Vergessen Sie nicht, dass Kritik eine Kultur ist, die ihren positiven Wert hat. Dadurch wird das Interesse am Fußball immer wieder neu belebt. Was glauben Sie, warum am Mittwoch 15 Millionen Leute den Fernseher eingeschaltet haben – weil Schottland so ein attraktiver Gegner ist?

Jetzt fehlt im letzten Qualifikationsspiel gegen Island noch ein Unentschieden, dann ist die deutsche Mannschaft direkt für die Europameisterschaft qualifiziert.

Ich weiß, was Sie wissen wollen. Ob wir uns entspannt zurücklehnen und sagen können: einen Punkt gegen Island holen wir zu Hause allemal! Ja, so selbstbewusst sollte die deutsche Mannschaft sein, und das ist sie auch. Aber…

Aber?

Das Spiel findet in Hamburg statt, dort gibt es ein sehr diffiziles Publikum. Die Hamburger werden es sich nicht gefallen lassen, wenn die Deutschen nicht von Beginn an vollen Einsatz zeigen. Die deutsche Mannschaft wäre gut beraten, von Anfang an die Leistung und Einstellung vom Schottland-Spiel zu zeigen.

Das Gespräch führte Sven Goldmann.

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