• KRITISCHER JOURNALISMUS in der Ukraine: „Die Ukraine ist eine riesige Baustelle“

KRITISCHER JOURNALISMUS in der Ukraine : „Die Ukraine ist eine riesige Baustelle“

Dickschädel.
Dickschädel.

Der ukrainische Journalist Nikolay Worobjow hat zur Europameisterschaft die TV-Sendung „Euro Patrol“ produziert. Darin setzte er sich offen mit den Zuständen in seinem Land auseinander. Er sprach über schwere Themen wie Korruption der Machthaber, aber auch über vermeintlich Banales wie die Englischkenntnisse der heimischen Polizisten.

Nikolay Worobjow, Sie berichten kritisch über Ihr Land. Haben die westlichen Medien das vor der EM nicht schon zur Genüge gemacht?

Ich sehe mich verpflichtet, über die Missstände in der Ukraine zu schreiben und zu sprechen. Journalismus muss kritisch sein.

Bekamen Sie aufgrund Ihrer Berichterstattung Probleme?

Von anderen Zeitungen habe ich häufig gehört, dass ich mit der politischen Opposition kooperieren würde. Doch das stimmt nicht. Zwei Jahre zuvor habe ich die Opposition, die da noch an der Macht war, genauso kritisiert. Damals war nicht alles besser.

Und von Regierungsseite hat sich nie jemand gemeldet?

Bis jetzt nicht. Allerdings hat die Regierung angekündigt, dass sie untersuchen werde, wer vor oder während der EM über Korruption oder ähnliches berichtet hat. Dabei ist es keine große News, dass es in der Ukraine Korruption gibt. Laut Transparency International liegt sie in der Rangliste der korrupten Länder auf Platz 150 von 175. Schauen Sie sich nur mal die astronomischen Summen an, die für Stadionbauten bezahlt wurden. Und in den seltensten Fällen gab es Ausschreibungen. Es kann sein, dass ich Probleme bekommen werde, weil ich das nicht unerwähnt gelassen habe.

Was ist Ihr Resümee nach drei Wochen EM?

Eine Sache habe ich vor allem gemerkt: Wir Ukrainer müssen offener werden. 77 Prozent meiner Landsleute haben noch nie das Land verlassen. Doch sie müssen lernen, wie die Welt aussieht, sie müssen ihren Horizont erweitern. Das gleiche gilt im Journalismus. Man sollte sich mit Problemen aber austauschen – ganz egal, ob mit Deutschen, Schweden, Kroaten oder Franzosen. Journalismus ist für mich etwas Globales.

Nikolaw Worobjow, Sie sind ständig unterwegs. Sie produzieren Filme, Shows, machen Talkabende. Wie finanzieren Sie das eigentlich?

„Euro Patrol“ ist nicht mein Hauptjob. Ich schreibe ja auch, zum Beispiel für den „Korrespondent“ (ein regierungskritisches Magazin, d. Red.). Aber man braucht für diese Shows nicht viel: Ein paar Kameras, Fragen – und einen Helm. Die Ukraine ist schließlich eine riesige Baustelle. Interview: Andreas Bock

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