Sport : Kühe im Rückspiegel

Am Sonntag findet der letzte französische Grand Prix in Magny-Cours statt

Karin Sturm[Magny-Cours]

„Mein schlimmster Moment in Magny- Cours? Als ich zum ersten Mal die Tür meines Hotels geöffnet habe!“ Ron Dennis gilt als streitbare Persönlichkeit in der Formel 1, doch mit dieser Bemerkung erregte der McLaren-Chef ausnahmsweise einmal keinerlei Widerspruch. Formel-1-intern wird der Kurs ohne nennenswerte Infrastruktur in der Umgebung lakonisch „In the middle of nowhere“ („Mitten im Nichts“) genannt. Bald ist Schluss mit Nichts: Am Sonntag findet der Große Preis von Frankreich zum letzten Mal in Magny-Cours statt.

Nico Rosberg gehört zu den wenigen, die das durchaus schade finden. „Die Strecke an sich ist sehr schön und macht Spaß. Und dass ich hier morgens als Erstes drei Kühe sehe, wenn ich aus dem Fenster meines Motorhomes schaue, ist auch kein Problem”, sagt der Williams-Pilot lachend. „Außerdem ist es mir ganz recht, dass es hier etwas ruhiger zugeht als bei vielen anderen Rennen. Dadurch, dass nicht so viele Adabeis hier sind, kommt man mal dazu, mit Leuten zu reden, für die man sonst keine Zeit hat.“

Aber genau diese Abgeschiedenheit ist das größte Problem des Kurses etwa 250 Kilometer südlich von Paris. Wer wie einige Fahrer im Wohnmobil direkt an der Strecke logiert und sich deshalb weder mit schlechten, überteuerten Hotels noch dem üblichen Verkehrschaos herumärgern muss, der hat gar nicht einmal so viel Grund zur Klage. Doch millionenschwere Sponsoren oder verwöhnte Vip-Gäste lassen sich nun einmal ungern in eine ländliche Enklave ohne hochklassige Unterhaltungsmöglichkeiten lotsen. „Die Formel 1 ist nun mal Show“, sagt Renaults Teamchef Flavio Briatore, „da ist eine Umgebung, wo innerhalb von anderthalb Autostunden kein vernünftiges Hotel zu finden ist, nicht tragbar.“ Auch der Formel-1- Boss stellte kürzlich einmal in einem Anflug von Selbstkritik fest: „Eigentlich hätten wir nie hierherkommen dürfen.“ Dabei brachte Bernie Ecclestone den französischen Grand Prix höchstpersönlich vor fast 20 Jahren in das Département Nièvre. Und zwar aus vorwiegend politischen Gründen, stammten doch einige der damals einflussreichsten Mandatsträger in Frankreich, unter anderem François Mitterand, zufällig genau aus dieser Region.

1991 fuhr die Formel 1 zum ersten Mal in Magny-Cours, der Sieger hieß Nigel Mansell, Michael Schumacher ist mit acht Triumphen auf dieser Strecke Rekordhalter. Bei der Abschiedsvorstellung in diesem Jahr musste Schumacher selbstredend auch noch mal ans Lenkrad, wenn er auch nur als Prominentenchauffeur Fußballstar Zinedine Zidane in einem Ferrari um den Kurs beförderte.

Aber nicht nur Magny-Cours als Rennstrecke ist ein Auslaufmodell. Auch der Große Preis von Frankreich an sich steht zur Disposition. Zumindest für 2008 ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass der Grand Prix, mit dem die Motorsportgeschichte 1906 begann, überhaupt nicht stattfinden wird. Die Veranstalter haben in den letzten Jahren mit dem Grand Prix nur Verluste eingefahren, eine attraktive Alternativstrecke, mit der sich die Finanzen wieder in Ordnung bringen ließen, ist nicht in Sicht. Die Ideen, in Zukunft entweder auf einem Stadtkurs in Paris oder im Euro-Disneyland zu fahren, sind alles andere als ausgegoren.

Dazu stehen vor allem asiatische Staaten, von Singapur bis Indien, mit viel Geld in der Warteschleife für ein Rennen und passen besser in Ecclestones politische und kommerzielle Vorstellungen, die Formel 1 auf neuen Märkten zu etablieren. Nebenbei hat die große Tradition des französischen Motorsports in den letzten Jahren trotz der Erfolge von Renault ziemlich gelitten. So fehlt es der Nation, die noch vor 15 Jahren zeitweise mit mehr als zehn Fahrern in der Formel 1 vertreten war, an entsprechendem Nachwuchs. Bei der offiziellen Pressekonferenz vor dem Rennen in Magny-Cours vertrat einzig Franck Montagny die französischen Farben. Er ist Testfahrer bei Toyota.

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