Sport : Künftig ohne Flugangst

Der ambitionierte FC Arsenal eröffnet das Emirates-Stadion – und verabschiedet Dennis Bergkamp, mit dem große Zeiten begannen

Raphael Honigstein[London]

Trainer Arsène Wenger setzte einen Plastikball von der Größe eines Kleinwagens mit der Spitze an die Latte. Johan Cruyff versprang in seiner ersten Aktion der Ball. Marco van Basten zeigte erstaunliche Antrittsschnelligkeit und einen feinen Volley. Giles Grimandi lief wie ein Irrer hinter Edgar Davids her und senste ihn fünf Meter vor dem Tor gnadenlos um, als Davids den Ball gerade ins leere Netz schieben wollte. Die Zuschauer jubelten – Davids hat in der vergangenen Saison bei Tottenham Hotspur, dem Nord-Londoner Lokalrivalen, gespielt. Frank de Boer schoss den anschließenden Elfmeter souverän über den Kasten. Ja, im Abschiedsspiel von Dennis Bergkamp, zugleich das Eröffnungsmatch in Arsenals neuem Emirates Stadium, kamen am Samstag alle auf ihre Kosten.

Alle außer Dennis Bergkamp. Dem 37-Jährigen blieb der für Abschiedsspiele obligatorische Treffer versagt. Patrick Vieira und Thierry Henry trugen ihn, umjubelt von 54 000 Zuschauern, trotzdem auf den Schultern über den Platz. Dem sonst so introvertierten Holländer – Spitzname: „The Iceberg“ – wurde in der Sonne sichtlich warm ums Herz. Der Verein, den er nach elf glorreichen Jahren verlässt, hat mit dem aus dem Jahr 1995 nur noch den Namen gemein. Als Bergkamp nach zwei schwierigen Spielzeiten bei Inter Mailand überraschend in die Premier League wechselte, litt Arsenal unter der Dominanz von Manchester United und an den Folgen des Korruptionsskandals um George Graham. Arsenals früherer Trainer hatte jahrelang bei Transfers mitverdient.

Bergkamps elf Millionen Euro teure Verpflichtung war aus heutiger Sicht ein Meilenstein. Der Holländer war damals der einzige Ausländer in der Mannschaft, „mit ihm fing das Zeitalter der Erleuchtung an“, schrieb der „Guardian“. „Ich hatte das Glück, ihn im Kader zu haben, als ich hier anfing. Das war ein Segen, ein Geschenk“, erinnert sich Arsène Wenger, der im September 1996 zu Arsenal kam und den Klub bald zum Inbegriff für feinsten Offensivfußball machte.

Zu Bergkamps letztem Spiel reiste nun sein Heimatverein Ajax Amsterdam mit vielen Altstars nach London. Am Ende stand es 2:1 für die Gastgeber, andere Zahlen sind jedoch viel wichtiger. Der Aufstieg der Nord-Londoner in den Kreis der internationalen Spitzenklubs wird mit dem Umzug vom ehrwürdigen Highbury in das nur 500 Meter weiter westlich platzierte Emirates Stadium endgültig besiegelt. Insgesamt 1,7 Milliarden Euro kostete das Upgrade, die Hälfte davon verschlang allein der Stadionneubau auf dem Areal einer ehemaligen Müllaufbereitungsanlage. Arsenal war durch das gigantische Projekt finanziell stark belastet, auf dem Transfermarkt blieb man deshalb zurückhaltend.

60 000 Menschen passen in die imposante, wenn auch bei einem ersten Besuch erst einmal noch ein wenig unpersönliche Schüssel aus Beton, Glas und Stahl. Das sind 22 000 mehr als ins 93-Jährige Highbury, das in Luxuswohnungen umgebaut wird. Die größere Kapazität des Emirates Stadium mit neuen VIP- und Logenplätzen verdreifacht die Zuschauereinnahmen im Jahr auf rund 155 Millionen Euro (in 25 Heimspielen). Das neue Stadion wird voll werden, trotz der horrenden Eintrittspreise. Die billigste Jahreskarte kostet 1300 Euro. Dazu kommen bis zum Jahr 2021 insgesamt 146 Millionen Euro für die Namensrechte von der Fluglinie aus den Emiraten, zusätzliche Sponsorengelder und Erlöse aus dem Eventmarketing in der neuen Arena. Ein 381-Millionen-Euro- Kredit wurde vor kurzem neu strukturiert. Arsenal muss bis 2031 jährlich 26,3 Millionen zurückzahlen, das entspricht einem attraktiven Zins von 5,3 Prozent. Unter dem Strich dürften jährlich knapp 40 Millionen Euro Gewinn abfallen. Und was den gesamten Umsatz angeht, werden die Londoner Real Madrid (275 Millionen Euro in 2004/05) und Manchester United (246 Millionen Euro) bald ernsthafte Konkurrenz machen.

Dennis Bergkamp, mit dem das alles begann, wird in den Vorstoß in die neuen Dimensionen nur noch als Beobachter verfolgen. Er setzt sich zu Ruhe. Bergkamp wird Arsenal, der Liga und dem Fußball fehlen, nur die Marketingabteilung hat ein Problem weniger. Sie muss nicht mehr erklären, warum ausgerechnet Bergkamp das nach einer Airline benannte Stadion eröffnete. Der Holländer, das weiß in England jedes Kind, leidet unter höllischer Flugangst und reiste seiner Mannschaft stets mit Auto oder Eisenbahn nach. Oder er blieb gleich zu Hause.

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