Sport : Künstler unerwünscht

D’Alessandros Abschied verdeutlicht Wolfsburgs Abkehr von den großen Zielen

Frank Heike

Wolfsburg - In Portsmouth darf sich Andrés D’Alessandro genauso willkommen fühlen wie im Sommer 2003, als er aus Argentinien nach Wolfsburg kam. „Vor ein paar Jahren hat D’Alessandro noch in den Straßen von Buenos Aires Pizza ausgeliefert“, schreibt ein Kolumnist der BBC, „jetzt ist er der neue, faszinierende Geschmack der Premier League.“

Es ist überraschend, wie wenig Faktisches ein neuer Klub über die Leistungen eines neuen Spielers bei seinem alten Arbeitgeber weiß oder wissen will. Beim VfL Wolfsburg hat D’Alessandro nämlich nur einen bitteren Geschmack hinterlassen. Portsmouth FC aber, der abstiegsgefährdete Klub aus der Premier League, empfängt D’Alessandro mit offenen Armen. „Von solch einflussreichen Spielmachern kannst du gar nicht genug haben“, sagte Trainer Harry Redknapp. D’Alessandro habe für den VfL „durchgehend ordentlich“ gespielt. Es sei einfach Zeit für eine Luftveränderung gewesen. Das nennt man selektive Wahrnehmung.

Wie auch immer, beide Seiten sind froh: Portsmouth sieht sich mit D’Alessandro gewappnet für den Abstiegskampf, der Wolfsburger Trainer Klaus Augenthaler ist den Störenfried los. Und mag der wahre Grund für D’Alessandros Flucht nach England auch seine schwangere Frau sein, die in zwei Wochen entbinden soll, vom Arzt ein Flugverbot bekam und somit den Wechsel zurück zum Stammverein River Plate Buenos Aires verhinderte, wie die stets gut informierten „Wolfsburger Nachrichten“ schreiben („England statt Argentinien – aus Liebe zu Erika und dem ungeborenen Baby“), für den VfL bedeutet die Verbannung des Neun-Millionen-Mannes vor allem eine Zäsur: die Abkehr von den großen Zielen. Spätestens seit Klaus Fuchs den Managerposten vom entlassenen Thomas Strunz übernommen hat, regiert in Wolfsburg die neue Nüchternheit. Dafür steht auch Augenthaler. Er hatte sich vor vier Wochen deswegen gegen Rangnick durchgesetzt, weil er nicht von großen Zielen träumte, sondern sagte: „Erst mal müssen wir die Abstiegsränge weit genug hinter uns lassen.“ Unwirsche Künstler sind nicht mehr gefragt.

Ob der 24 Jahre alte Argentinier wiederkommt, bleibt fraglich. „Ich muss ja im Juni zurück nach Wolfsburg“, sagt D’Alessandro, „ich will aber nicht.“ Mit Augenthaler habe es einfach nicht gepasst, seine Beziehung zum Verein sei „absolut okay“. Beim VfL hat D’Alessandro einen Vertrag bis 2010. Ausgeschlossen ist die Rückkehr nicht. Es ist kein Geheimnis, dass Erika D’Alessandro Deutschland mag. Vor allem ihr schönes Haus in Fallersleben.

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