Sport : Kürlaufen gegen die Kölner Haie

Claus Vetter

Im Frühsommer letzten Jahres war es, als Roger Wittmann für einen kurzen Augenblick leise Zweifel an seiner Arbeit zuließ: "Schaffen wir das?" Der Manager der Berlin Capitals stand an der Säbener Straße in München, auf dem Trainingsgelände des FC Bayern. Es ging Wittmann allerdings nicht um Fußball. Vielmehr war er im Begriff, mit einem prominenten Eishockey-Spieler zu verhandeln, den er für sein Team, die Berlin Capitals, verpflichten wollte.

Es war nicht der erste bekannte Akteur, mit dem der tüchtige Manager gesprochen hatte. Die Liste der Zugänge bei den Berlinern war zu diesem Zeitpunkt schon eine sehr illustre. Dass man mit diesem Ensemble nicht mehr nur Vorletzter wie in der gerade zurückliegenden Saison werden würde, war anzunehmen. Trotzdem, 14 neue Spieler - so etwas ist nicht zwangsläufig ein Selbstläufer. Doch dem Manager war klar, dass sich alle Zweifel von selbst verboten. "Wir müssen es schaffen", sprach Wittmann, "erst wenn wir diesmal nicht versagen, ist die Kuh vom Eis."

Ohnehin wurde viel bewegt rund um die Eisfläche an der Jefféstraße. Der Dreizehnte der zurückliegenden Spielzeit der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) beendete in dieser Saison die Hauptrunde auf Platz sechs. Im Play-off-Viertelfinale ging es munter weiter, am letzten Sonntag katapultierten die Capitals in fast sensationeller Manier den Hauptrundendritten Krefeld aus dem Rennen. Und der sportliche Erfolg manifestierte sich auch in der Akzeptanz beim Berliner Publikum, der Zuschauerschnitt war bei den Heimspielen dieser Saison doppelt so hoch wie in der letzten Spielzeit.

Alle Wünsche und Ziele des Managers sind somit schon jetzt erreicht. Eine bessere Ausgangsposition könnte man sich im Lager der Berliner vor dem heutigen, ersten Halbfinale bei den Kölner Haien daher kaum wünschen. Der Außenseiter hat nichts mehr zu verlieren, weiß auch Trainer Michael Komma. "Köln war erster nach der Hauptrunde. Die Haie sind der Titelfavorit. Bei denen gibt es ausschließlich Topleute." Das ginge im Tor los und höre in der vierten Sturmreihe auf. "Da findet man nur gestandene Profis, Spieler, die alle schon etwas gewonnen haben", erzählt Komma.

Vorzugsweise schwadroniert der Trainer der Berliner über das starke Kölner Angriffsspiel. "Die spielen das ganz einfach. Da wird die Scheibe ins Drittel geschlagen, und dann geht es schnell hinterher. Wir müssen sehen, dass wir schnell wieder aus unserer Zone kommen, uns nicht erdrücken lassen." Stürmer Rob Guillet glaubt, dass man nur eine Chance habe, wenn man das Tempo aus dem Spiel nehme. Man müsse dem Gegner den Nerv ziehen, meint der Kanadier. "Langsam wechseln, in den Unterbrechungen viel Zeit nehmen." Dem Druck der eigenen Zuschauer in der mit 18 000 Zuschauern gefüllten KölnArena könnten sich die Haie so irgendwann nicht mehr entziehen.

Dass man im Lager der Berliner vor Beginn der Halbfinalserie mit Vorliebe über die Qualitäten des Gegners philosphiert, dabei das eigene Können in den Hintergrund stellt, überrascht kaum. Der Favorit muss dagegen notgedrungen eine andere Rolle übernehmen. Kein Wunder, dass sich Kölns Trainer Lance Nethery vor der vermeintlichen Durchgangsstation Berlin nur zurückhaltend über den Kontrahenten äußert. Jeder Gegner sei unangenehm, meint er. Und da es sich mit den - angesichts des komfortablen Umfeldes und der Besetzung der Mannschaft berechtigten - Erwartungen am Rhein nicht nur komfortabel lebt, unternimmt Nethery immerhin den zaghaften Versuch, den Capitals vorsichtig einen vermeintlichen Trumpf in die Hand zu schieben. "Es ist manchmal einfacher, wenn man zuerst auswärts antreten muss", sagt der Trainer.

Der Anhang der Haie wird dies sicherlich überhören, schließlich soll heute in der riesigen KölnArena nicht nur auf der vor Spielbeginn anberaumten "Hände-zum-Himmel-Party" kräftig gefeiert werden. Wenn für die Haie im Halbfinale Endstation wäre, dann gäbe es wohl so schnell keine kölsche Fiesta mehr. Oder, um mit Roger Wittmann zu sprechen, dann stünde die Kuh tatsächlich auf dem Eis - allerdings nicht in Berlin, sondern in Köln.

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