Kugelstoßen und Siebenkampf : Oeser und Kleinert: Zweimal Silber in zwei Minuten

Innerhalb von zwei Minuten gewannen die deutschen Athletinnen Jennifer Oeser (Siebenkampf) und Nadine Kleinert (Kugelstoßen) jeweils WM-Silber.

Frank Bachner
Leichtathletik-WM - Siebenkampf
Schwarz-Rot-Silber. Jennifer Oeser feiert ihren zweiten Platz im Siebenkampf.Foto: dpa

Jennifer Oeser stakste ein paar Sekunden lang über die Bahn. Für ein paar Augenblicke hatte sie kaum noch Kraft in den Beinen. Dann schossen ihr Tränen in die  Augen. Es war einfach zu viel, was sie hier gerade erlebte, die Gefühle übermannten sie.

Tosender Applaus kam von den Rängen, tosender Beifall für die Frau, die hier gerade überraschend Silber im Siebenkampf gewonnen hatte. Zwei Minuten zuvor hatte es noch so ausgesehen, als würde Jennifer Oeser aus einem ganz anderen Grund weinen: weil sie Opfer eines sportlichen Unglücks sein würde.

Die 800 Meter standen an, die letzte Disziplin im Siebenkampf. Jennifer Oeser aus Leverkusen, die EM-Vierte, hatte die Chance auf Silber. Sie war Dritte, sie musste wenigstens drei Sekunden schneller als die Zweitplatzierte, die Polin Kamila Chudzik laufen. Eigentlich war das kein Problem, Oesers Bestzeit liegt um sechs Sekunden unter der von Chudzik. Aber bei 300 Meter geriet Oeser ins Stolpern, sie strauchelte, fiel zu Boden. „Ich weiß nicht, was passiert ist. Ich wollte an der Französin vor mir vorbei zu den Schnelleren, da wurde von hinten gedrängelt“, sagte Oeser. Sie rappelte sich wieder auf hatte wertvolle Zeit verloren, die Polin war weg. „Es war ein Raunen im Stadion, und als ich gehört habe, wie alle jubelten als ich aufstand, kam die schnellste Runde, die ich je erlebt habe.“

Jennifer Oeser kämpfte sich heran, holte Meter um Meter auf, überholte Chudzik, schleppte sich mit letzter Kraft durchs Ziel. Aber würde es reichen? Drei Sekunden? Die Polin pumpte ihre letzten Kraftreserven in ihren Körper. Vergeblich. Silber war weg, Silber ging an Jennifer Oeser. 6493 Punkte, neue persönliche Bestleistung. Julia Mächtig aus Neubrandenburg wurde Neunte (6265). Gold gewann die Favoritin Jessica Ennis (Großbritannien) mit 6731 Punkten. Jennifer Oeser feierte ihren Erfolg mit einer Ehrenrunde, in dieser grandiosen Atmosphäre, in der zugleich auch das Silber von Nadine Kleinert gefeiert wurde. „Der geilste Wettkampf, den ich je gemacht habe", schrie Oeser ein paar Minuten später ins Stadionmikrofon. Der Tag der Deutschen.

Sie hatte gewusst, dass sie um eine Medaille kämpfen könnte. Um Bronze, aber nicht um Silber. Ratingen hat es ihr gezeigt. In Ratingen, im Juni, gewann die 25-Jährige mit neuer persönlicher Bestleistung, 6442 Punkte.

Doch ihre Freude hielt sich nach der ersten Disziplin, den 100 Meter Hürden, leicht in Grenzen. Die 25-Jährige streifte die fünfte Hürde, kam etwas aus dem Rhythmus und lief nach 13,62 Sekunden durchs Ziel. Damit blieb sie zwölf Hundertstelsekunden über ihrer persönlichen Bestleistung. Nicht ganz an ihre persönliche Bestleistung kam sie auch beim Hochsprung heran. 1,86 Meter hatte Oeser bereits überquert, in Berlin kam sie auf 1,83 Meter. Nach der zweiten Disziplin lag die Leverkusenerin auf Rang fünf.

Dafür holte Oeser im Kugelstoßen, der dritten Disziplin, enorm auf. Mit 14,29 Metern stellte sie eine persönliche Bestleistung auf. Sie schob sich auf den dritten Rang, hinter Ennis und die Ukrainerin Natalia Dobrynska, die 70 Punkte Vorsprung hatte. Dieser Vorsprung schrumpfte allerdings nach dem 200-Meter-Lauf auf drei Punkte. Denn Jennifer Oeser lief 24,30 Sekunden, damit hatte sie erneut eine persönliche Bestleistung aufgestellt. Olympiasiegerin Dobrynska kam lediglich auf 25,02 Sekunden.

Nach vier Disziplinen und dem ersten Tag lag Jennifer Oeser damit im Zwischenergebnis zwölf Punkte über ihrer persönlichen Bestleistung. Für die EM-Dritte Lilly Schwarzkopf war dagegen nach dem ersten Tag Schluss. Eine Fußverletzung plagte sie.
Die erste Schlüsselstelle für Jennifer Oeser war der Weitsprung, die erste Disziplin am zweiten Wettkampftag. Hier musste sie möglichst nahe an ihre Leistung von Ratingen kommen, besser noch. Sie musste neue persönliche Bestleistung springen. Es gelang nicht ganz, mit 6,42 Metern blieb sie knapp unter ihrem Rekord. Egal, sie registrierte es mit einem zufriedenen Lächeln. Denn sie lag plötzlich auf Rang zwei. Das hatte sie Dobrynska zu verdanken. Die Ukrainerin ist eine gute Weitspringerin, eigentlich. Aber nicht in Berlin. Im Olympiastadion kam sie nicht weiter als 6,41 Meter. Nun lag sie punktgleich mit Oeser auf Rang zwei. Damit bekam das Speerwerfen noch mehr Bedeutung als schon zuvor. 48,52 Meter hatte sie schon einmal erreicht. Im zweiten Durchgang schleuderte sie den Speer 46,70 Meter weit. Ein guter Versuch, aber Oeser quittierte ihn mit zusammengekniffenen Lippen. Denn inzwischen hatte die Polin Chudzik 48,72 Meter erreicht und sich auf Platz zwei geschoben.

Nun wurde es spannend. Oeser oder die Polin. Auf dem Papier sprach alles für die Deutsche. Aber dann hatten die Läuferinnen erst 300 Meter absolviert, das Drama begann. „Ich habe alles erreicht, was ich erreichen wollte“, sagte Jennifer Oeser, als es zu Ende war.

Nadine Kleinert verbeugte sich, so tief wie sie nur konnte. Ihr unendlicher Dank für dieses Publikum, für diesen Applaus, für diese Begeisterung. Sie hatte den Wettkampf ihres Lebens gezeigt, sie hatte Silber im Kugelstoßen gewonnen, mit persönlicher Bestweite, mit 20,20 Metern. Und sie hatte diesen Wettkampf auf der Bühne gezeigt, auf der sie die größte Aufmerksamkeit ihres Lebens erfahren hatte. Die Frau, die zeit ihrer Karriere über mangelnde Beachtung geklagt hatte, sie wurde im Olympiastadion frenetisch gefeiert. „Die Berliner sind einfach nur geil“, rief Kleinert begeistert.

Es war wie eine riesige Party. In dem Moment, als Kleinert ihr Silber feiert, da trabte auch die Siebenkämpferin Jenny Oeser auf ihrer Ehrenrunde über die Bahn. Sie hatte Sekunden zuvor Silber gewonnen, der Applaus für Oeser und der für Kleinert vermischten sich zu einer phantastischen Lärmkulisse. „Ich wusste, ich muss einen der ersten drei Würfe gut machen“, sagte Kleinert nach ihrem Triumph. Denn durch das fast zeitgleich stattfindende 100-Meter-Sprintfinale der Männer und das Finale im Siebenkampf der Frauen, das ahnte sie, würde es laut werden. Die Atmosphäre anschließend, sie war traumhaft. Und die Weltmeisterin im Kugelstoßen, die Neuseeländerin Valerie Vili, zeigte noch ein Tänzchen. Die Zugabe einer exzellenten Vorstellung.

Wer noch Zweifel daran hatte, dass Nadine Kleinert hier hoch motiviert ins Finale gehen würde, der musste sich bloß die 33-Jährige vor ihrem ersten Versuch anschauen. Sie hatte die Hand zur Faust geballt, hielt sie sich vor den Mund und blies mehrfach hinein, als wollte seinen Luftballon aufpusten. Die Augen waren zum Tunnelblick verengt. Das war nicht mehr die Nadine Kleinert, die Minuten zuvor noch bei der Vorstellung der Athletinnen Kusshändchen zur Kamera schickte.

Sie glitt sehr schnell an, stieß kraftvoll und schrie dann der Kugel hinterher. Die flog und flog und landete bei 20,06 Metern. Nadine Kleinert sprang vor Freude in die Luft. Schon mit ihrem ersten Versuch hatte sie ihren persönlichen Rekord eingestellt. Damit übernahm sie die Führung. Die Olympiasiegerin Valerie Vili kam im ersten Versuch auf 19,40 Meter.

Nun wurde es erstmal spannend, würde Valerie Vili gleich kontern, die Frau, von der Nadine Kleinert anerkennend sagt: „Die kann man nachts um drei Uhr wecken, dann stößt die immer noch 20,30 Meter.“ Vili stieg in den Ring, die Kugel flog, aber der Kampfrichter hisste die rote Fahne.

Dann der zweite Versuch von Nadine Kleinert, der Olympiazweiten von 2004. Doch diesmal traf sie die Kugel nicht optimal. 19,52 Meter. Wann würde Vili kontern? Die Titelverteidigerin, die große Favoritin? Sie konterte im dritten Versuch. Ganz abgeklärt, mit 20,25 Meter. Nadine Kleinert applaudierte pflichtgemäß. Vili reckte die Daumen, es sah cool aus. Ob es Show war oder ob sie das bloß als Pflichterfüllung betrachtet hatte, war nicht klar.

Aber sehr schnell wurde deutlich, dass sie hier doch mehr als die Pflicht abliefern musste. Denn nun stieg wieder Nadine Kleinert in den Ring, begleitet vom Beifall des Publikums. Die Zuschauer spürten, dass eine Sensation in der Luft lag. Diesmal hatte Kleinert die Kugel noch besser getroffen als im ersten Versuch, diesmal flog die Kugel noch weiter. 20,20 Meter, neue persönliche Bestleistung. Sie strahlte, die Faust schoss nach vorne. Nadine Kleinert hatte jetzt schon ihren WM-Triumph. Aber sollte noch ein größerer Triumph folgen? Ihr größter? Der WM-Titel?

Beifall brandete auf, vierter Versuch Kleinert. Die Zuschauer hatten das Kugelstoßen der Frauen als spannende Angelegenheit entdeckt. Wieder pustete sie in die Faust. Schnelles Angleiten, Stoß, alles wie gehabt. Doch nun klatschten die Zuschauer während die Kugel flog, als könnte sie das Sechs-Kilo-Gerät weiter fliegen lassen. 19,61 Meter, keine Verbesserung. Direkt danach Vili, 20,16 Meter. Der Endkampf hatte begonnen, Denise Hinrichs (18,30 Meter) und Christina Schwanitz (17,84 Meter) waren schon ausgeschieden.

Nadine Kleinert stieg in den Ring, der fünfte Versuch. Doch jetzt war die Luft raus. Sie hat einen Fehlversuch. Und zwei Minuten später war alles klar. Vili legte zu, 20,44 Meter, damit hatte sie Gold. Cool reckte sie ihre Zeigefinger. Kleinert hatte noch einen weiteren Versuch, ungültig, die Spannung war raus. Jetzt wollte sie nur noch genießen. Eine Sternstunde ihrer Karriere.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben