Sport : Kuhglocken im Hafen

Jochen Schümann steht als erster deutscher Segler vor der Qualifikation zum America`s Cup

Hartmut Moheit

Berlin. Was die Gischt bei 14 bis 20 Knoten Wind im Hauraki-Golf vor Auckland nicht schon geschafft hatte, dafür sorgten letztlich die Champagner-Duschen von allen Seiten. Jochen Schümann war trotz wetterfester Kleidung bis auf die Haut nass. „Wir werden jetzt eine Nacht feiern, dann geht es gleich wieder aufs Wasser“, sagt der 48-Jährige, untermalt vom Bimmelbammel der überdimensionalen Kuhglocken an Land. Kurz zuvor hatte der von einem Schweizer Syndikat als Sportdirektor für die Yacht Alinghi angeheuerte Berliner das geschafft, was noch nie einem deutschen Segler gelungen war: Gemeinsam mit der Crew um Steuermann Russell Coutts darf er ab dem 11. Januar das Finale um den Louis Vuitton Cup bestreiten, die Vorstufe zum America’s Cup.

Mit vier Siegen über die amerikanische Yacht Oracle hat Schümann damit die vorletzte Stufe erreicht, bevor in diesem Finale der Herausforderer der Gegner für Neuseeland um den America’s Cup ermittelt wird. „Für uns zählt nur dieser 15. Februar, an dem es losgeht. Alles andere bis dahin sind Zwischenschritte“, sagt Schümann mit Blick auf das eigentliche Ziel, den Start zum America’s Cup. „Jetzt bekommen wir mehr Zeit zum Testen, bisher haben wir etwa 80 Prozent des Leistungsvermögens ausgeschöpft.“

Dennoch, die Schweizer Yacht der Société Nautique de Genéve hat bereits Außergewöhnliches erreicht. Erstmals in der 151-jährigen Historie um die legendäre Silberkanne, den America’s Cup, kam ein Team aus einem Binnenland in der Qualifikation so weit.

Dass die Alinghi auf dem kürzesten Weg dieses Zwischenziel erreicht hat, nicht wie nun die Oracle-Crew eine zusätzliche Runde um den zweiten Finalplatz segeln muss, daran hat der seit ein paar Jahren in Penzberg in Bayern lebende Schümann entscheidenden Anteil. Als dreimaliger Olympiasieger hat er viel Kompetenz eingebracht, die sich von Regatta zu Regatta besser auswirkt. „Von unserem Wetterteam sammle ich vor den Starts die Daten ein und entscheide, welche Segel an Bord kommen. Während des Rennens ist mein direkter Gesprächspartner unser Taktiker Brad Butterworth. Wann gewendet wird, das entscheiden wir zusammen. Hinzu kommt, dass wir ständig von unserem Navigator Ernesto Bertarelli aus dem Computer mit Daten versorgt werden“, sagt Schümann zu seinem Job. Gleichzeitig ist er der Reserveskipper, sollte Steuermann Coutts ausfallen oder gravierende Fehler machen. „Ausgeschlossen ist nichts“, sagt Schümann, zumal die Nerven von Coutts und auch die von Butterworth in ihrer Heimat Neuseeland noch zusätzlich strapaziert werden. Beide gehörten zur Crew des Cup-Verteidigers Neuseeland, und gelten nunmehr nach ihrem Wechsel auf die Alinghi als Abtrünnige. Das war für den Blackheart-Verein in Neuseeland der Anlass, eine von Nationalismus geprägte Hetzkampagne zu initiieren. Welche Auswirkungen das hat, wird im Internet ( www.yacht.de ) beschrieben: „Am Eingang in der Halsey Street, in der alle Cup-Syndikate beheimatet sind, plakatieren die Blackheards eine große Fläche. Der Text, der Coutts ins Herz treffen soll: „There once was a lonely boatman - es war einmal ein einsamer Segler.“ Selbst die Kinder von Coutts und Butterworth werden in der Schule diskriminiert und beschimpft.

Es ist gut vorstellbar, dass dieser Zustand bei einem eventuellen America’s-Cup-Finale zwischen Neuseeland und der Schweiz eskaliert. „Das will natürlich niemand“, sagt Jochen Schümann, „aber auch deswegen sind wir besonders motiviert.“

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