Sport : Kulturschock auf dem Wannsee

Jochen Schümann gibt dem Match Race ein wenig America’s-Cup-Flair

Hartmut Moheit

Berlin. Es ist ruhig über dem Wannsee, der Wind will nicht auffrischen, und trotzdem hält es Jochen Schümann an Land nicht mehr aus. „Jetzt will ich endlich mal segeln, dafür bin ich doch gekommen“, sagt der Berliner. Karol Jablonski, der Weltranglistenerste im Match-Race-Segeln aus Polen, pflichtet ihm bei. „Wir haben nur zwei Stunden für das Training.“ Die Segelstars nehmen das Berliner Match Race ernst. Nicht nur, weil es Weltranglistenpunkte zu gewinnen gibt. „Gegen Jochen zu segeln, ist doch eine besondere Herausforderung“, sagt Jesper Radich Johansen. Der Däne weiß, dass er nur eine Chance hat, in Berlin auf sich aufmerksam zu machen, wenn er Jochen Schümann schlägt.

Auf dem Sattelplatz des Vereins Seglerhaus am Wannsee, der mit dem Berliner Yacht Club die Regatta von Freitag bis zum Finale am Sonntag (13 Uhr) organisiert, steht ein Teilnehmer im Mittelpunkt: Jochen Schümann. Sein Erfolg beim America’s Cup auf der Schweizer Yacht Alinghi, die er als Sportdirektor und zweiter Steuermann lenkte, hat ihn zum gefragtesten deutschen Segler aufsteigen lassen. „Wenn ich jeden Interview-Wunsch erfüllen würde, käme ich nicht mehr aufs Wasser“, sagt der 49-Jährige, der seit Jahren im bayrischen Penzberg wohnt. „Wegen der Nähe zur Schweiz.“

Als Schümann auf das 8,28 Meter lange H-Boot steigt, auf dem in Berlin gesegelt wird, sagt er: „Das ist ein Kulturschock.“ Während Gunnar Bahr und Ingo Borkowski, mit denen er erstmals nach dem Gewinn der Silbermedaille in Sydney wieder segelt, nur lachen, muss sich Schümann erst einmal an den ungewohnten Blick gewöhnen. „Auf der 24 Meter langen Hochseeyacht Alinghi mit den riesigen Segelflächen wird dir die Sicht immer irgendwie genommen, und du verdrehst dir fast den Hals“, sagt Schümann, „auf der kleinen Jolle hast du praktisch einen Rundumblick.“ Er fühlt sich wie früher in der Soling-Klasse. Jenes Drei-Mann-Boot, mit dem er zweimal Olympiasieger wurde und das nun für die Olympischen Spiele 2004 aus dem Programm gestrichen wurde.

Wenn im kommenden Jahr wieder die Olympiasieger ermittelt werden, steckt Jochen Schümann längst in den Vorbereitungen auf den nächsten America’s Cup. Wo 2007 zum ersten Mal in Europa um die älteste Segeltrophäe der Welt gesegelt wird, weiß er nicht. „Ich vermute mal, dass es wirklich noch offen ist“, sagt Schümann. Dann beginnt er aber eines der vier möglichen Reviere besonders hervorzuheben. „Vor Valencia herrschen optimale Bedingungen“, erklärt Schümann, „ich bin in diesem Jahr dort gesegelt – Spanien bietet auch so die besten Bedingungen.“ Die endgültige Entscheidung für das Rennen im Jahr 2007 soll nach Schümanns Aussage am 15. November in Genf verkündet werden. „Cascais bei Lissabon und Marseille sind ebenfalls noch als Kandidaten im Rennen“, sagt er. „Neapel wegen einer im Internet selbst begangenen Indiskretion wohl nicht mehr.“ Auf dem Wasser erreicht Schümann per Handy dann zwei Stunden später die Nachricht, dass die offizielle Bekanntgabe des Termins durch das Management in Genf auf den 26. November verschoben wurde. So lässt ihn der America’s Cup auch auf dem nebligen Wannsee nicht los.

Während Schümann die Tage auch dazu nutzen möchte, die Eltern in Köpenick zu besuchen, gibt es für seine elf Kontrahenten nur das Segeln. Aber auch diese hegen America’s-Cup-Ambitionen. Karol Jablonski, der in Polen eine Kampagne starten wollte, wird wohl mit einem italienischen Syndikat zusammenarbeiten, und Jesper Radich Johansen hofft, „dass Olympiasieger Jesper Bank ein dänisches oder gesamtnordisches Projekt realisieren kann“.

Das Match Race, bei dem jeweils nur zwei Boote gegeneinander segeln, ist auch mit kleinen Booten die beste Schule für den America’s Cup. Jochen Schümann, der noch vor fünf Wochen in der Bucht vor San Francisco als Steuermann gegen die USA-76 mit 3:4 im Hochseesegeln unterlag, nimmt diesen Wettkampf ernst. Am Wochenende soll es auch wieder Wind auf dem Wannsee geben.

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