Sport : „Kunst hält Fußball am Leben“

Argentiniens Nationaltrainer José Pekerman über Fußball-Philosophie, Klinsmann und die WM

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Herr Pekerman, wissen Sie überhaupt, was das argentinische Team am heutigen Montag im Rheinland vor dem Länderspiel am Mittwoch gegen Deutschland erwartet?

Oh ja, es ist Karneval!

Sie haben eine sehr junge Mannschaft, haben Sie keine Angst, dass die Jungs ein bisschen zu viel feiern könnten vor dem Spiel am Mittwoch?

Seien Sie da ganz beruhigt. Das dürfen die zu keiner Zeit, egal, was um uns herum passiert. Wir gehen in unser Hotel, und da bleiben wir. Wir sind da sehr diszipliniert. Deutschland kann sich am Mittwoch davon überzeugen.

Sie waren lange Jahre Koordinator aller argentinischen Fußball-Nationalteams mit dem Schwerpunkt Jugendausbildung. Werden wir zur WM 2006 das jüngste Nationalteam Argentiniens aller Zeiten sehen?

Wir werden die Mannschaft haben, die notwendig ist, um zu gewinnen. Wir sind dabei, ein Gleichgewicht zu schaffen zwischen den älteren, erfahrenen, ja fertigen Spielern und den jüngeren. Für ein großes Turnier brauchen Sie diese Mischung. Aber die Jungen sind dabei sehr wichtig, denn sie bringen die Frische und die Inspiration. Und wenn man Glück hat, schöpfen sie ihr Potenzial voll aus, sie wachsen sozusagen mit der Aufgabe. Das kann sehr befruchtend sein.

Sie haben sehr viel Erfahrung als Jugendtrainer, haben drei U-20-Weltmeisterschaften gewonnen. Trotzdem sagt ein erfahrener Trainerkollege wie César Luis Menotti, Sie seien nur ein Jugendtrainer. Auch Maradona sagt das. Trifft Sie das?

Nein. Ich finde das auch gar nicht verkehrt, was Menotti sagt. Ich akzeptiere, dass das seine Meinung ist, die Meinung eines großen und prominenten Fußballfachmanns. Ich habe eine andere. Der Fußball ist offen, alles ist möglich, es gibt nichts Voraussehbares. Deshalb gibt es auch nicht die Wahrheit. Recht hat nur der, der gewinnt. So einfach ist das.

Der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges sagt: Fußball ist Organisation und Abenteuer. Können Sie sich mit dieser Definition anfreunden?

Natürlich, dem würde ich nicht widersprechen. Das Streben nach dem Resultat ist nicht das Einzige, es muss immer auch die Erneuerung, die Überraschung, das Schöne hinzukommen. Diese Dinge machen den Fußball erst aus, sie halten ihn am Leben. Aber auch die Organisation muss sein, allein durch Inspiration können Sie kein Spiel gewinnen. Wer beides in Kombination spielt, hat eine sehr große Mannschaft.

Vor sehr langer Zeit hat Menotti den Fußball unterteilt. Er sieht einen „rechten“ Fußball, der den Kampf symbolisiert, und den „linken“, der für Schönheit und Kunst steht. Ist das eine antiquierte Sicht?

Nein, sie ist immer aktuell, weil alle Trainer letztlich danach streben, beides zu verbinden. Die politische Dimension von Menottis Aussagen interessiert mich da weniger. Aber richtig ist, dass man nur durch hartes Arbeiten allein in einem Spiel nicht wirklich über sich hinauswachsen kann. Das geht nur, wenn Sie mit dem Fußball auch Kunst schaffen, also ein im wahrsten Sinne des Wortes schönes Spiel.

Brasilien spielt seit einigen Jahren trotz ihrer Individualisten sehr europäisch, sehr diszipliniert. In der Copa America hat Argentinien eher den schönen, südamerikanischen Fußball verkörpert, aber das einzige Spiel – das Finale – gegen Brasilien verloren. Spielen Sie nicht effektiv genug?

Das ist eine permanente Diskussion. Man kann sie nicht von einem Resultat her sehen. Und in Argentinien macht das auch niemand. Wichtig für Argentinien ist nur, dass wir nie in der ersten Runde ausscheiden dürfen…

Wie bei der letzten WM…

…Die vergessen wir mal. Wenn wir aber gut spielen und unglücklich verlieren, dann verschaffen wir uns mehr Respekt. Brasilien weiß, dass es gegen einen Gegner gewonnen hat, der besser war. Wir haben nichts zu verlieren, wir können nur gewinnen, weil wir unserem Spiel und unserer Stärke vertrauen.

Aber Weltmeister müssen Sie doch werden, das verlangt man von einem, der drei Titel mit der Jugendauswahl holte.

Ja, aber das setzt mich nicht mehr unter Druck als ansonsten auch. Dieser Druck, das Verlangen zu gewinnen, ist konstant in unserer Geschichte. Es ist immer so, weil wir eine große Fußball-Nation sind. Auch die Spieler haben diesen Druck. Aber alle wissen auch: Wir sind nicht schwächer als andere.

Sie könnten scheitern.

Ja, aber nach den letzten beiden Weltmeisterschaften haben wir vielleicht diesmal ein bisschen mehr Glück.

In Deutschland ist der Umbruch im Moment radikal, er wird verkörpert durch den Bundestrainer Jürgen Klinsmann. Kennen Sie ihn?

Persönlich nicht, aber als Spieler kenne ich ihn natürlich noch. Jetzt verfolge ich seine Arbeit sehr genau, und es gefällt mir, was Klinsmann macht. Er befindet sich auf einem guten Weg.

Klinsmann sagt Dinge, die Sie selbst seit Jahren umsetzen. Zum Beispiel verlangt er, dass ein Spieler auch seine Persönlichkeit entwickeln muss und der Trainer dafür Verantwortung trägt. Warum soll das für einen Fußballer so wichtig sein?

Es ist elementar. Ich gehe so weit zu sagen, dass der Charakter, die Persönlichkeit genau so wichtig ist für einen guten Fußballer wie seine Technik und seine physische Leistung. Es ist eben ein Unterschied, ein paar tolle Spiele zu machen, oder eine ganze Karriere erfolgreich zu bestreiten. Dafür brauchen Sie einen ordentlichen Charakter. Alle großen Fußballer haben ihn, denken Sie an Ihr Land, an Beckenbauer, Overath, Netzer.

Das würde heißen, ein Fußballer wie Maradona wäre womöglich nach seiner Karriere besser klargekommen, wenn er intensiver seine Persönlichkeit geschult hätte?

Nein, das ist mir zu soziologisch, das ist nicht mein Thema. Ich rede nur vom Fußballer. Ein Fußballer braucht einen starken, ausgeglichenen Charakter. Was später kommt, ist seine Privatsache. Niemand kennt die Wahrheit dieser privaten Atmosphäre, und niemand von außen sollte sie kennen lernen. Das verbietet der Respekt vor den großen Namen.

Maradona hat seine Probleme, man kann sie ihm ansehen.

Die großen Stars stehen zu sehr in der Öffentlichkeit, erst leben sie ein erleuchtetes Leben voller Bewunderung, danach müssen sie selbst klar kommen. Auch mit vielen obskuren Menschen um sich herum. Niemand sollte behaupten, er würde das ohne Probleme meistern.

Wie überlebt eine Fußball-Nation, deren beste Spieler immer nach Europa gehen?

Zunächst ist es eine wichtige menschliche Herausforderung für uns alle. Alle unsere Fußballer haben das Ziel, eines Tages in einer starken europäischen Liga zu spielen. Das ist ihr Motiv, ihre Leidenschaft. Und das ist auch gut für uns, denn so bringen wir immer neue Talente heraus. Natürlich ist es auch schädlich für unsere Liga, es limitiert sie.

Ist in Argentinien in Zeiten nach der Krise der Fußball wichtiger als alles andere?

Nein. Auch hier ist es mir wichtig, nichts zu vermischen. Unsere Nation lebt stetig in ihrer Fußball-Passion. Sie träumt immer vom Triumph. Wenn wir jetzt in einer wirtschaftlich sehr stabilen, starken Phase wären, so wäre die Leidenschaft für den Fußball nicht kleiner.

Das Gespräch führte Armin Lehmann.

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