Sport : Kunstrasen bei der nächsten WM?

Fifa kritisiert Spielflächen in deutschen Stadien

André Görke

Berlin - Wolfgang Niersbach versuchte es mit einem kleinen Scherz. „Ich bin froh, wenn ich bei mir zu Hause die 80 Quadratmeter Rasen in Ordnung halte“, sagte der Vizepräsident des deutschen Organisationskomitees (OK). „Ich bin kein Rasenexperte, sorry.“

Nun, die Experten des Rasen-Kompetenzteams der Fußball-WM sind genauso hilflos, was die Spielflächen in den zwölf WM-Stadien betrifft. Die Fußballer rutschen trotz Aluminiumstollen weg, als hätten sie glatte Hallenschuhe an ihren Füßen, und reißen Fetzen aus dem Rasen. Vor allem in Hamburg, Gelsenkirchen und Köln sind die Spielflächen nicht in dem Zustand, wie sich das die WM-Organisatoren gewünscht hätten.

„Hier haben wir das optimale Ziel nicht erreicht, das müssen wir zugeben“, sagte OK-Vizepräsident Niersbach gestern in Berlin. „Darüber ärgern wir uns schon ein gutes Stück. Es ist eine Schwachstelle.“ Dabei hatte das OK extra ein Jahr vor der Fußball-WM in Holland und Darmstadt die zwölf Spielfelder züchten und diese kurz vor dem Turnier verlegen lassen.

Kritik kam nun auch von Joseph Blatter, dem Präsidenten des Weltverbandes Fifa, der sich allerdings ähnlich wie Niersbach bemüht locker gab: „Die Naturrasen sind nicht das Grüne vom Ei“, witzelte er. Was die Konsequenzen sein könnten, machte Fifa-Mediendirektor Markus Siegler am Tag darauf noch einmal in Berlin deutlich: „Es ist nicht ausgeschlossen, dass bei der WM 2010 in Südafrika auf Kunstrasen gespielt wird.“

Das klingt revolutionär, wird aber langsam zur Normalität. Man muss nur einmal nach Salzburg und Bern schauen. In den neuen Fußballstadien, die für die Europameisterschaft 2008 in Österreich und der Schweiz gebaut wurden, liegen bereits Kunstrasen. Kurz vor der EM werden sie allerdings wieder gegen Naturflächen ausgetauscht. „Wir brauchen eine wetterunabhängige Unterlage. Wir sammeln und werten laufend Erkenntnisse aus“, sagte Blatter. Das Finale der U-17-WM in Helsinki vor drei Jahren wurde bereits auf Kunstrasen ausgetragen.

Die Wirtschaftsbranche freut sich denn auch schon. Der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) sieht ein „großes Marktpotenzial“, schon allein aus Kostengründen: „Auf einem Naturrasen kann maximal 600 Stunden gespielt werden – auf einem Kunstrasen unbeschränkt und unabhängig von der Witterung.“ Die Kosten lägen im Schnitt bei 350 000 Euro.

Naturrasen ist billiger, er kostet etwa 110 000 Euro. Allerdings muss er intensiv gepflegt und – wie in Hamburg – sehr oft ausgetauscht werden. Auch in Berlin liegt bereits der dritte Rasen, seitdem das Stadion vor zwei Jahren eröffnet wurde.

Schuld sind aber nicht die sensiblen Pflanzen oder Rasenzüchter, sondern die Architekten. Die neuen WM-Stadien sind eng, voll überdacht, die Tribünen sind in manchen Stadien so steil und hoch, dass der Rasen oft wochenlang keine Sonne sieht. Und wenn dann wie in Dortmund die Ecken geschlossen werden, weht nicht einmal Luft in die Arena. Der Tau bleibt auf dem Rasen. Er wird feucht und rutschig.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben