Sport : Kurve ist Kurve

Erst holte der Franzose Luc Alphand als Abfahrtsläufer den Ski-Weltcup, jetzt fährt er um den Sieg bei der Rallye Dakar

Hartmut Moheit

In diesem Sommer ist es sieben Jahre her, dass Luc Alphand seinen Eltern Josiane und Aimé den sehnlichsten Wunsch erfüllte: Er trat von der Bühne des alpinen Rennsports ab. Die fanden den Skisport zu gefährlich. Inzwischen macht Luc Alphand etwas anderes: Er fährt bei der Rallye Dakar mit. Und hat Erfolg: Derzeit ist er im BMW Fünfter. Sein Motto lautet: „Ich habe das Geschwindigkeits-Chromosom.“

Früher hatten seine Eltern jedesmal um ihren Jungen gezittert, wenn er zu einem alpinen Weltcup gefahren war. „Das Wichtigste ist für mich, dass er unten ankommt, nicht das Ergebnis“, sagte seine Mutter damals immer wieder. Mit 140 Kilometer pro Stunde die Piste in Kitzbühel hinunterzurasen, das sei doch Wahnsinn. Deshalb war sie lange Zeit jedesmal in den Wald spazieren gegangen, wenn ihr Luc startete. Besonders schlimm wurde es für die besorgte Mutter, nachdem die Österreicherin Ulrike Maier 1994 auf der Kandahar-Abfahrt in Garmisch-Partenkirchen tödlich verunglückt war. Dort war auch Luc Alphand schwer gestürzt – ohne sich ernsthaft zu verletzen. „Da habe ich zu ihm gesagt, dass ich Angst habe“, wurde sie damals zitiert. Erst in den letzten drei Jahren seiner Karriere als alpiner Rennfahrer schaute sie mal ab und zu in eine Fernsehübertragung. „Es war unerträglich“, sagte sie 1997, als alles überstanden schien. Dass ihr Sohn als Hobby mit schnellen Autos unterwegs war, sogar schon Schnee-Rallyes und andere Rennen bestritt, verdrängte sie offenbar. Schließlich hatte er ihr gesagt: „Die Familie ist mir wichtiger als Erfolg und Ruhm.“ Das ließ sie auf ruhigere Zeiten hoffen. Vergeblich.

Luc Alphand war als Gesamtweltcup-Sieger, dreimaliger Abfahrts-Weltcupsieger hintereinander und WM-Dritter in Frankreich ein Held. Überschwänglich nannten ihn Medien „Lucky Luc“ und bezeichneten ihn als den Herrn der Abfahrten, den „Monsieur Descente“. Und spätestens seit 1997 gibt es in seinem Geburtsort Serre-Chevalier in den französischen Alpen kaum noch etwas, das nicht seinen Namen trägt: Skipisten, Straßen, Plätze, eine Skischule, eine Brasserie und Bieretiketten. Nachdem er 1996 den nationalen Verdienstorden Ordre du Mérite im Range eines Kommandeurs überreicht bekam, war er im ganzen Land beliebt.

Ans Limit gehen, etwas riskieren, die Ideallinie suchen – bei seiner zweiten Karriere als Motorsportler fand er all das Gewohnte wieder. „Da ist Kurve eben Kurve“, beschrieb Alphand seinen Eindruck, sprach von „zwingend schnellen Reaktionen“, die von ihm nunmehr erneut verlangt werden. Und die Materialschlacht im alpinen Skisport unterscheidet sich längst nicht mehr von der im Motorsport, die der 38-Jährige nunmehr vorgefunden hat.

Es war zu erwarten, dass Alphand – bei seinem Talent für beide Metiers – sehr schnell das Extrem suchen würde. Zwar fuhr er in Frankreich auch Tourenwagenrennen, aber die Abenteuer in der Wüste lockten ihn noch viel mehr. Wieder jagte er seinen Eltern einen großen Schreck ein, als sie wieder von ihm lesen mussten: „Wer zu langsam fährt, ist sportlich schnell tot, wer zu schnell rast, der kann irgendwann wirklich tot sein.“ So bewegt sich Luc Alphand seitdem erneut auf einem sehr schmalen Grat, denn die Rallye Dakar erlangte ursprünglich als Rallye Paris – Dakar durch eine Vielzahl an tödlichen Unfällen traurige Berühmtheit.

Aber der Franzose fühlt sich dieser Herausforderung gewachsen: „Mir ist aufgefallen, dass das visuelle Erleben, die Wahrnehmung der Gelände-Veränderungen und die zwingend schnellen Reaktionen die gleichen wie früher sind.“ Nur eines ist anders: 2002 stoppte ihn, damals noch im Mitsubishi, eine Kamelherde. Als er nach Hause kam, lachten darüber sogar seine Eltern. „Rallyefahren macht doch mehr Spaß“, sagte er ihnen. Völlig beruhigen konnte er sie damit nicht.

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