Sport : Kurz vor der Panik

VfB Stuttgart blickt ratlos zu den Uefa-Cup-Plätzen

Oliver Trust[Stuttgart]

Mikrofone streckten sich ihm wie Speere entgegen, und hinter dieser Wand versuchte Matthias Sammer aufkommende Panik einzudämmen. Der Fußball-Bundesligist VfB Stuttgart hatte gerade im eigenen Stadion 0:0 gegen den VfL Wolfsburg gespielt. Er hatte leichtfertig die große Chance vergeben, den Tabellenzweiten Schalke 04 zu überholen und die Konkurrenten Hertha BSC und Werder Bremen weiter auf Distanz zu halten. Er hatte seinen Anhängern also einigen Stoff für panische Reaktionen gegeben. „Fußball ist kein Wunschkonzert“, verkündete also der VfB-Trainer Sammer in auffällig ruhigem Ton. Sein Team sei trotz des verpassten Sieges noch auf dem richtigen Weg, behauptete er dann. Denn: Früher in der Saison habe der VfB solche Spiele verloren. Heute, immerhin, habe der VfB einen Punkt gewonnen. „Wir haben jetzt noch vier Endspiele und alle Chancen, unser Ziel zu erreichen“, sagte Sammer. Was man halt so sagt, wenn die eigene Enttäuschung nicht so stark sichtbar werden darf. Nur: Wenn es schon einen Erfolg darstellt, auf eigenem Platz gegen den zuletzt desolaten VfL Wolfsburg einen Punkt zu gewinnen – was heißt das dann für die kommenden Spiele? Heißt das: VfB-Fans: vergesst die großspurigen Sprüche von der Champions League? Vergesst die Pläne, noch auf Platz zwei vorzustoßen? Heißt das, herzlich willkommen, Uefa-Cup-Platz?

Keiner beim VfB war am Samstag in der Lage, die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu schließen. Stattdessen: Murks auf dem Platz. Die spielerischen Mittel reichten nicht gegen den lange defensiven VfL Wolfsburg. Als schließlich Zvonimir Soldo nach dem Spiel den Mikrofonen nicht mehr ausweichen konnte, verweigerte auch der VfB-Kapitän, wie schon sein Trainer, eine klärende Aussage. Die Taktik des VfB mit zwei defensiven Mittelfeldspielern vor der Abwehr? „Kein Kommentar dazu.“ Die Qualität des Kaders? „Der falsche Zeitpunkt, darüber zu reden.“ Gut, über was redet er dann freundlicherweise? Über eine schwammige Ursachenforschung. „Wir müssen ruhig bleiben und schauen, wo wir waren, bevor wir uns mit dieser defensiven Taktik in eine gute Ausgangsposition gebracht haben.“ Aha.

Dann kam Alexander Hleb zu den Mikrofonen. Und ignorierte sie. „Heute nicht“, sagte er knapp, und machte den Eindruck großer Ermattung. Zuvor auf dem Rasen hatte er noch getobt. Er brüllte ziellos in die Gegend, er brüllte zielgerichtet zu seinen Mitspielern, er schlug mit wilden Bewegungen Löcher in die Luft. Aber Torhüter Timo Hildebrandt entschädigte für die bis dahin sinnarmen Statements. Es lag nämlich gar nicht so sehr an den Spielern, dieses Gemurkse, es lag an den Fans: „Es kotzt mich an, dass die Zuschauer uns schon in der Halbzeit auspfeifen. Sie glauben nicht an uns“, sagte er. Vielleicht ärgert es andererseits die Zuschauer, dass Hildebrandt vom Titel schwadroniert hatte und die Fans dann ein 0:0 erleiden mussten. Die meisten der 45 000 Fans hatten schon zur Pause gepfiffen. 45 Minuten und vier vergebene VfB-Chancen (Cacau, Meißner) später, legten sie beträchtlich zu.

Zufrieden waren nur die Wolfsburger. „Es wäre vielleicht nicht gerecht gewesen, aber wir hätten hier sogar gewinnen können, wenn Brdaric kurz vor Schluss trifft“, sagte Wolfsburgs Trainer Erik Gerets. Dann wenigstens hätte Sammer, der Eruptive, nicht den Diplomaten gespielt. Dann wäre er explodiert. Gnadenlos.

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