Sport : Kurze Kaffeepause

Dusanka Trojer zählt mit 64 Jahren zu den ältesten Fußballerinnen Berlins. Erst durch den Sport wurde sie in Deutschland endgültig heimisch

Kaffee und Fußball, das passt! Findet zumindest Dusanka Trojer. Mindestens eine Stunde vor jedem Training trifft sie sich mit ihren Mitspielerinnen, um bei einer Tasse Kaffee die neuesten Ereignisse der vergangenen Tage auszuwerten. „Ein bisschen Klischee muss sein“, sagt sie. „Die meisten Männer denken beim Frauenfußball ja eh an Kaffeekränzchen.“ Dann lacht Dusanka Trojer. Es ist ihre Art, mit Vorurteilen umzugehen. Sie lacht sie einfach weg. Dusanka Trojer ist 64 Jahre alt und eine der ältesten aktiven Fußballerinnen Berlins.

Einen Großteil ihres Lebens hat sie auf den Sportlätzen der Stadt verbracht und gelernt, mit Stigmas zu leben. „Früher war es schon schlimm. Wenn wir Fußballerinnen als Mannsweiber beschimpft wurden, war das noch harmlos. Oft ging es richtig unter die Gürtellinie.“ Von Verbitterung allerdings keine Spur, als Dusanka Trojer an diesem Nachmittag ein Cafe im Wedding betritt. Sie sucht sich den sonnigsten Platz aus. Das passt. Dusanka Trojer ist, was man allgemein als Frohnatur bezeichnet. Dass sie einmal als Pionierin um Anerkennung für ihren Sport kämpfen musste, ist ihr nicht anzumerken. Im Gegenteil: Dusanka Trojer liebt es, Geschichten zu erzählen und in Erinnerungen zu schwelgen. Aus diesem Grund hat sie eine Mappe mitgebracht, darin sind alte Zeitungsartikel und Urkunden gesammelt. Sie dokumentieren nur einen Bruchteil dessen, was die agile Frau als Sportlerin erlebt hat. Dazu Bilder von Pokalsiegen und Meisterschaften.

Dabei geht es Dusanka Trojer gar nicht um Auszeichnungen oder Trophäen, als sie 1971 von Jugoslawien nach Berlin kommt. Ihr Maschinenbaustudium neigt sich dem Ende entgegen und ein Abschluss in Deutschland würde ihre Berufschancen in der Heimat erhöhen. Warum also nicht, es ist ja nur für zwei Jahre, denkt sie, als ihr Bruder den Vorschlag macht, sie solle zu ihm nach Deutschland kommen. Doch die erste Zeit in dem fremden Land wird zur harten Probe. Die neue Sprache, die Hektik und die Lebensgewohnheiten der Berliner wirken auf die damals 24-Jährige abschreckend. Erst als sie durch Zufall in einem Cafe von einem Fußballtrainer angesprochen wird, findet sie Halt. „Ich bin mit fünf Brüdern aufgewachsen, ein anderes Spiel als Fußball gab es da nicht“, erzählt Dusanka Trojer. „Dass ich in Berlin wieder spielen konnte, machte mich froh.“

Inzwischen hat der Kellner etwas zu trinken gebracht, aber Dusanka Trojer bekommt davon kaum etwas mit. Sie ist jetzt in Gedanken komplett beim Polizei SV, ihrem ersten Klub in Berlin. Im Verein findet sie schnell Freunde. Man schätzt sie wegen ihrer herzlichen Art und den sportlichen Fähigkeiten. Dusanka Trojer besitzt durch das Spiel mit ihren Geschwistern eine hervorragende Technik und erzielt als Linksaußen viele Tore. Mit Meteor 06 wird sie Berliner Meister und Pokalsieger, später wechselt sie zu Tennis Borussia und steigt mit den Charlottenburgern in die Bundesliga auf. Auch neben dem Platz wird die blonde Frau zur Bezugsperson – nicht nur für ihre Mitspielerinnen. „Einmal kam ein Vater vor einer Reise zu mir und meinte, dass er seine Tochter nur mitfahren lässt, wenn sie mit mir ein Zimmer teilen darf“, erzählt Dusanka Trojer. „Ich hatte damals einen Freund und der Mann glaubte, seine Tochter würde in meiner Gegenwart von ihrer Homosexualität Abstand nehmen. Schon verrückt, was die Menschen früher gedacht haben.“ Dusanka Trojer muss wieder lachen. Sie könnte viele solcher Geschichten erzählen, aber ihre Zeit ist knapp. Zweimal trainiert sie pro Woche noch mit der dritten Mannschaft von Tennis Borussia, dazu kommen Tennisspiele, Tischtennis und Wandern. Dann zeigt sie stolz eine Urkunde, die sie beim letzten Tennisturnier gewonnen hat. Als sie eigentlich schon gehen will, fällt ihr Blick auf ein altes Mannschaftsfoto. Dusanka Trojer lächelt. „Die Trikots, die Stutzen – alles mussten wir selber nähen. Da haben es die Spielerinnen heute leichter. Trotzdem möchte ich nicht mit ihnen tauschen.“

Dann spricht Dusanka Trojer noch ein bisschen über die Frauen-WM und den Druck, dem die deutsche Mannschaft ausgesetzt war. Ihr Getränk ist noch immer kaum angerührt.

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