Sport : Kurzer Prozess

Thomas Seibert

Kaum etwas nehmen die Türken so ernst wie den Fußball. Und bei kaum einem anderen Thema sind sie so schnell bereit, einen eben noch als Helden gefeierten Akteur zum Buhmann zu machen. Auch Christoph Daum war ein Held. In den letzten Jahren hatte er mit Fenerbahce zweimal hintereinander die Meisterschaft geholt, und er wollte den Istanbuler Traditionsverein zum ersten türkischen Klub von internationalem Format machen. Die Türken waren begeistert. Daum war einer der beliebtesten Ausländer. Doch seit der verspielten Meisterschaft ist nichts, wie es war. Nun muss Daum die Erfahrung machen, dass die Fußballszene in dem von ihm lange als zweite Heimat gerühmten Gastland kurzen Prozess macht. Daums Vergehen: Er hat mit Fenerbahce Pokal und Meisterschaft verpasst. Die hämische Karikatur in einer türkischen Zeitung zeigte am Dienstag einen Fenerbahce-Fan, der traurig und ohne Hemd dasteht, während sich zwei Anhänger der beiden anderen großen Klubs – Besiktas und Galatasaray – über Pokal und Meisterschaft freuen. Das ist bitter. Doch der plötzliche Liebesentzug trifft Daum deshalb besonders hart, weil er den Türken so nahe ist: Auch Daum ist für sein Temperament, seine Begeisterungsfähigkeit und seine Hitzköpfigkeit bekannt. Vielleicht brauchen beide Seiten ein wenig Abkühlung.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben