Sport : Kurzer Schock

Nach dem schweren Unfall ihres Trainers Bethge bereiten sich die Bobfahrer weiter auf Olympia vor

Hartmut Moheit

Berlin - Gestern kam sich André Lange wieder einmal vor wie Sylvester Stallone in einem der Rocky-Filme. In einer eiskalten Garage, inmitten von Schrott und Gerümpel, stemmte der Bob-Olympiasieger aus Oberhof die mitgebrachte Gewichtheber-Hantel. „Es ist schließlich nicht mehr lange hin bis Olympia, da können wir auf äußere Umstände keine Rücksicht nehmen“, beschreibt er die Motivation seines Teams, das sich derzeit im italienischen Cesana auf den Saisonhöhepunkt im Februar vorbereitet. So, als hätte es den schweren Unfall des Chefbundestrainers Raimund Bethge am vergangenen Mittwoch nicht gegeben. Der erfolgreichste Bob-Coach der Welt – er holte insgesamt 103 Medaillen seit 1990 bei Olympischen Spielen und internationalen Meisterschaften, darunter 45 goldene – war in der Bahn stehend umgefahren worden.

„Wir sind Profis in einer Rennsportart, außerdem ist es auch in Raimunds Sinne, dass wir uns von seinen schweren Verletzungen nicht beeindrucken lassen“, sagt Lange. Er gehörte mit seinen Anschiebern auch zu jenen Aktiven, die bereits zwei Stunden nach dem Unglück das Training fortgesetzt hatten. Dazu waren nicht alle Konkurrenten in der Lage. „Ich war im Startbereich, als es passierte. Über unseren Sprechfunk habe ich sehr schnell Raimunds Stimme gehört und wusste daher, dass nicht noch viel Schlimmeres passiert war“, sagt André Lange zu dieser Entscheidung. Dass er damit auf Bethges Wellenlänge liegt, unterstreicht dessen Aussage: „Nur gut, dass es mich erwischt hat und nicht einen unserer Athleten.“ Am Montag wird der 58-Jährige in der Unfallklinik Murnau an seinen beiden gebrochenen Beinen operiert.

Fest vorgenommen haben sich die deutschen Bobfahrer, ihrem Trainer vor Weihnachten noch persönlich etwas Gutes zukommen zu lassen. Der Unfall hat das Team nur kurzzeitig geschockt, danach eher noch gefestigt. „So einen Zusammenhalt wie jetzt hatten wir lange nicht mehr“, sagt Lange, der bei den Olympischen Spielen als Favorit auf die Goldmedaille sowohl im Zweier als auch im Vierer gilt. Drei von vier Weltcup- Rennen in dieser Saison in Calgary und in Salt Lake City hat er gewonnen, im Vierer kam er in den USA auf Rang zwei. „Unsere neuen Bobs aus dem FES in Berlin laufen sehr gut, aber die neue Bahn in Cesana erfordert eine Änderung meines Fahrstils“, sagt Lange. Deshalb dürfe kein Training halbherzig absolviert werden.

Die Aufgaben von Raimund Bethge hat derzeit zwar Frauen-Bundestrainer Wolfgang Hoppe übernommen, aber Lange erwartet, „dass Bethge recht bald vom Krankenbett die Geschicke wieder leiten wird“. In der kommenden Woche geht es bereits zum Weltcup nach Innsbruck. Es geht exakt so weiter, als sei der Chefbundestrainer wieder dabei. André Lange freut sich ohnehin auf Österreich: „Dort können wir auch wieder im Warmen trainieren.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben