Sport : ky zum Ersten: Ärschlings zu lichten Höhen

Horst Bosetzky

Eigentlich ist das Rennrodeln für einen Menschen meiner Altersgruppe ziemlich negativ belastet, denn wie oft haben wir zu hören bekommen: "Wenn du so weitermachst, dann werde ich mit dir mal Schlitten fahren!" Was hieß, dass man mit Stubenarrest und Schlägen mit der flachen Hand oder dem Ausklopfer zu rechnen hatte. Dennoch nutzten wir im Winter jede Erhebung von mehr als einem Meter Höhe zum Rodeln. Meine Karriere begann auf dem Neuköllner Wildenbruchplatz. Vier Disziplinen kannten wir damals: a) Allein sitzend, b) zu zweit sitzend, c) allein auf dem Bauch liegend, Kopf voran, und schließlich d) einer auf dem Bauch, der zweite auf seinem Rücken sitzend. Heute sitzen die Athleten nicht mehr auf ihren Schlitten, sondern rasen im Liegen zu Tal. Die Reporterwendung "Sie liegt noch gut im Rennen" trifft das im Kern.

Seit die Damen hautenge Anzüge tragen, findet ihr Einer bei den Männern das größte Interesse. Zumal wenn sie Susi (Erdmann) heißen und auch so aussehen. Diese Fantasien muss schon Johannes Mario Simmel gehabt haben, denn in seinem Klassiker "Es muss nicht immer Kaviar sein" (es kann aber auch in einem anderen seiner Romane gewesen sein, bitte selber nachlesen) gilt die chinesische Schlittenfahrt als höchster aller erotischen Genüsse. Für andere dagegen gibt der Doppelsitzer der Herren besonders viel her, denn wie da der eine zwischen den Schenkeln des anderen ruht, das ist etwas für den Christopher Street Day. Bedauerlich ist es in dieser Hinsicht, dass es bei den Frauen keinen Doppelsitzer gibt. Warum diese Diskriminierung? Schluss damit! Außerdem bekämen wir Deutschen bei Welt- und Europameisterschaften sowie Olympischen Spielen eine Goldmedaille mehr, ist doch das Rennrodeln seit Jahrzehnten fest in der Hand der Starterinnen mit dem GDR, FRG oder GER hinter dem Namen.

Ähnlich sieht es bei den Männern aus, wo wir mit dem Hackl Schorsch die absolute Kultfigur aufzuweisen haben. Immer ärschlings bergab, um es mit Martin Luther zu sagen, und dennoch zu lichten Höhen empor, das hat schon was. Auch Krauße/Behrendt haben schon etliche Medaillen eingefahren. In den Siegerlisten steht bei ihnen allerdings Doppelsitzer statt Doppellieger.

Seit 1998 gibt es bei den Europa- und Weltmeisterschaften auch die Disziplin "Mannschaft (gemischt)", doch das ist insofern irreführend, weil Männlein und Weiblein nicht auf ein und demselben Schlitten liegen, sondern säuberlich getrennt ihre Rennen absolvieren und dann nur gänzlich unerotisch addiert werden.

In Berlin gibt es leider keine richtigen Rennrodelveranstaltungen, obwohl sich unter anderem auf den Müggelbergen, am Teufelsberg, im Freizeitpark Lübars und nahe Onkel Toms Hütte Bahnen befinden, die ausreichen, sich Arme, Beine und anderes zu brechen. Im Gegensatz zu den Profis starten hier immer viele Schlitten zugleich, während in den Eisrinnen von Altenberg, Berchtesgaden, Oberhof und so weiter oben stets nur einer abgelassen wird.

Beim Rennrodeln muss man es ganz besonders in den Armen haben, denn im Gegensatz zum Bobfahren schiebt man ein Sportgerät beim Start nicht vor sich her und springt dann auf, sondern hat von Anfang an auf ihm zu sitzen beziehungsweise zu liegen. Die nötige Anschubgeschwindigkeit bekommt man dann, indem man sich mit den Armen vom Eis abstößt. Um griffiger zu sein, sind die Handschuhe mit Noppen versehen.

Kommen wir nun zum Bob, zum "Sportschlitten, dessen vorderes Kufenpaar durch Seilzug oder Lenkrad gesteuert wird" (Brockhaus). Höre ich das Wort Bob, so löst das bei mir immer wahre Lustgefühle aus. Nicht weil ich in meiner Zeit als Leichtathlet Anschieber gewesen bin, wozu man ja mit Vorliebe die Sprinter benutzt, sondern weil ich als Junge immer frohen Herzens in die Boppstraße gelaufen bin (Kreuzberg, Zickenplatz), um mir im dortigen Laden etwas Neues zu kaufen. Nicht für meine Bob-, sondern für meine Eisenbahn. Selber Bob fahren wollte ich nie, denn a) war ich kein Bayer und b) mein Vater kein Nabob. Nach dem Krieg musste man zudem auch reich an anderen Pfunden sein, wenn man gewinnen wollte - wie etwa die erste deutsche Bob-Legende, der schwergewichtige Anderl Ostler aus Garmisch oder Partenkirchen, der uns Bundesrepublikanern 1952 mit seinen beiden Goldmedaillen Glück ins Haus gebracht hat.

Man unterscheidet den Zweier- und den Viererbob. Einer-, Dreier- und Achterbobs gibt es nicht. Wie auch immer: Es zählt eigentlich nur der Steuermann. Die anderen heißen von altersher Bremser, obwohl sie dies höchstens noch hinter der Ziellinie tun. Oh wie ist das ungerecht! Würden sie nicht beim Anschieben helfen und danach mit ihrer Masse wirksam werden, siegte der nicht, der dann in aller Munde ist: Feierabend (SUI), Monti (ITA), Hoppe (GDR), Zimmerer (FRG) oder Langen (GER). Schön, die Beifahrer kriegen auch ihre Medaillen, bleiben aber Bremser - und das löst nicht nur in der Politik negative Assoziationen aus. Hier sollte sich die Gewerkschaft drum kümmern. Aber welche? Wahrscheinlich die IG Metall, weil Konstruktion und Kufen beim Bob das Wichtigste sind. In Frage käme auch die IG Nahrung und Genussmittel, denn viele Bobs werden von Brauereien gesponsert, was nahe liegt, denn gleichen sie doch, insbesondere wenn die Fahrer die Köpfe eingezogen haben, rasenden Bierbüchsen.

Wie beim Formel-1-Rennen warten viele Zeitgenossen auch beim Bobfahren auf spektakuläre Stürze, und meist kann man da auch lachen wie bei "Pleiten, Pech & Pannen"-Filmen, doch der Tod fährt mit und hat früher, insbesondere auf der Natureisbahn in St. Moritz, auch öfter zugeschlagen.

Ebenso wie beim 1000-m-Lauf ist beim Bob der Start entscheidend. Bei Fernsehübertragungen wird die Startzeit eingeblendet (etwa 5.99) und vom Reporter zum Standardkommentar genutzt. Jetzt gelte es, diese mit ins Ziel hinunterzunehmen. Soll ich einen Start beschreiben, dann fällt mir nur das ein, was einmal in einem Märklin-Katalog von 1953 unter dem Foto einer Lokomotive gestanden hat und was mir unvergesslich geblieben ist: "Geballte Kraft und Formschönheit." Dies, wenn die vier Athleten mit ihren Spikes das Eis aufspritzen lassen. Leicht albern wirkt es hingegen, wenn der Pilot ansetzt, sich in den angeschobenen Bob zu schwingen, vor allem wenn er nach dem Platznehmen wie ein Blinder nach den Anschubbügeln tastet, um sie einzuklappen. Und Sitcom pur wäre es, wenn der letzte Mann den Schlitten verfehlt und ihm nur noch bäuchlings hinterherzurutschen wie -blicken vermag.

Horst Bosetzy ist als -ky der erfolgreichste deutsche Krimiautor und gemäß Selbsteinschätzung ein Sportverrückter. Am Ersten jedes Monats macht er sich im Tagesspiegel Gedanken über Gott, die Welt und den Sport.

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