• ky zum Ersten: Da schnallt man echt ab, und die Zuschauer standen an den Hängen und Pisten

Sport : ky zum Ersten: Da schnallt man echt ab, und die Zuschauer standen an den Hängen und Pisten

Horst Bosetzky

Bretter kann man nicht nur vor dem Kopf haben, sondern auch an den Füßen. Dann heißen sie Ski (sprich: Schi), und man brettert mit ihnen die Berge hinunter. Damit die Bretter, welche die Winterwelt bedeuten, zu Hunderttausenden von denen gekauft werden, die keine Rennen fahren, sind die Asse angewiesen, die ihrigen nach Passieren der Ziellinie schnellstens abzuschnallen und leicht debil in die Kamera zu halten. Da schnallst du echt ab. Wer Rennen fährt, ist allerdings noch immer kein Rennfahrer, wie zum Beispiel Michael Schumacher einer ist, sondern nur ein Rennläufer. Aber auch der kann sich bei der Ausübung seines Sports schwere Verletzungen zuziehen oder gar vorzeitig ins Jenseits hinüberwechseln, was die Sache für viele Zuschauer ebenso spannend werden lässt wie ein Formel-1-Rennen. Der Unterschied ist nur der, dass dort alle auf einmal losfahren, während bei einem Skirennen immer einer nach dem anderen kommt. Das verlängert Spannung und voyeuristische Lust, hat aber den Nachteil, dass es weder Überholmanöver noch Zusammenstöße geben kann.

Am einfachsten zu begreifen ist der Abfahrtslauf, englisch genial mit "downhill" bezeichnet. Sieger ist der, mit dem es am schnellsten bergab gegangen ist. Was in dieser Disziplin die viel beschworene "Ideallinie" ist, leuchtet mir fast immer ein. Beim Slalom hingegen weiß ich nie, welcher Weg durch den Stangenwald der fehlerfreie ist, und wenn der Reporter aufschreit: "Jetzt hat er eingefädelt!", dann kann ich sein Entsetzen nicht begreifen, denn ich bin immer unendlich froh, wenn mir das Einfädeln gelungen ist, zumal ohne Brille und bei einem durchsichtigen Nylonfaden. Menschen, die einen kleinen Sprachfehler ihr eigen nennen, sagen Schlalom statt Slalom und werden deswegen mitunter fälschlicherweise für Israeli gehalten. Und erst die anderen Disziplinen! "Papa, beim Riesenslalom - dürfen da nur Riesen mitlaufen?" - "Nein, Kind, da sind zwischen den Torstangen nur immer Riesenabstände." Noch schwerer ist dem Nachwuchs zu erklären, was der Super G ist. "Der Super-Ski?" "Nein, G wie giant. Das ist Englisch und heißt riesig. Der Super G ist aber weder Fisch noch Fleisch, also weder Abfahrt noch Riesenslalom, sondern etwas, damit man noch mehr Werbung und Medaillen hat."

Wichtig ist auch die Bindung. Im Gegensatz zum wirklichen Leben soll sie aber im Zweifelsfalle aufgehen und nicht halten. Ebenso paradox ist es mit dem Stock. Wer normalerweise mit oder an ihm geht, möchte ihn so schnell wie möglich wieder loswerden, während Skifahrer und Skifahrerin beim Verlust ihres Stockes schwer gestockt, äh: geschockt sind und kaum noch Chancen haben, aufs Stockerl zu kommen, wie man im tiefen Süden das Siegerpodest zu nennen pflegt. Wer aber kommt dort hinauf? Sicher, die/der mit der schnellsten Zeit - aber wie misst man die? Elektronisch und mit Lichtschranke natürlich. Aber was zählt da wohl beim Überfahren der Ziellinie: die Skispitze, der Skistiefel, das vorderste Knie, die Brust oder die Nase? Die wahrscheinlich, denn sie soll man ja immer vorne haben.

Natürlich kann man zu Skirennen auch anreisen und dann frierend selbst erleben, was Heinz Maegerlein uns mit seinem unsterblichen Worten - siehe Überschrift - vermitteln wollte, an sich aber sitzt man vor dem Fernseher, wenn es um Weltcuppunkte geht. Die Natur ist generell das große Handicap des Skisports. Mal schneit es zu viel, mal zu wenig, und bei Sturm oder Nebel muss man eh alles abblasen. Bis es losgeht, bekommen wir deshalb die Higlights der letzten Saison zu sehen. Aber das ist ja an verregneten Wimbledon-Tagen nicht anders.

Endlich wird die Piste freigegeben. Aber nicht die Startnummer 1 wird als erste abgelassen, wie man es erwarten sollte, sondern ein Vorläufer. So wie eine Lokomotive vorausfährt, wenn man Angst hat, dem Salonzug eines Staatsoberhauptes würde eine Bombe in den Weg gelegt werden. Vielleicht geschieht dies zum Gedenken an Tomba "La Bomba". Nun kommen im Abstand von eineinhalb Minuten all die Asse, und infolge jahrzehntelanger Übung sind wir in der Lage, ohne jedes Zögern festzustellen, dass Andreas Vorderhuber an der Einfahrt zum Anussattel eine Hundertstel Sekunde schneller ist als Matthias Hinterberger.

Mit einem Dutzend sprachlicher Bausteine kann jeder Laie ein Skirennen im Fernsehen absolut professionell kommentieren: 1. "Da wird er ausgehoben" (Früher hat man das nur mit Rekruten gemacht.) 2. "Lässt den Ski laufen", ersatzweise auch: "sehr gut unterwegs hier", "steht gut auf den Skiern", "ideale Linie, ganz eng", "sehr kompakt gefahren" oder "sie ist eine perfekte Gleiterin". 3. "Eine Spur zu hart gefahren, um die Linie zu halten". 4. "Zu früh das Gewicht auf den Innenski verlagert". 5. "Aufgemacht hier, Probleme". 6. "Ist spät dran". 7. "Der Ski stellt sich quer, es staubt auf". 8. "wird abgetrieben" (Gut, dass das erst jetzt geschieht). 8. "Hat den Schwungansatz verschlafen". 10. "Verliert von oben bis unten immer mehr". 11. "Einfahrt in den Zielhang gut genommen". 12. "Eine neue Bestzeit". Wenn Sie nicht den Fehler begehen, Ihre Reportage mit den Versatzstücken 10 bis 12 zu beginnen, sind Ihnen die Goldene Kamera und andere Preise absolut sicher.

Ich erinnere mich bei jeder Übertragung an das erste und letzte Slalomrennen meines Lebens im Winter 1946/47 auf meinem Hausberg am Reifenwerk in Schmöckwitz (7,5 m über Straßenniveau), im Volksmund: Karnickelberge. Mein Material waren die alten Skier meiner Tante Gerda, und in Ermangelung eines Serviceteams musste ich sie selber wachsen - mit Resten ihres blauen Faltbootwachses. Wir fuhren auch nicht auf Zeit, sondern auf überhaupt unten ankommen. Jemand stieß mich ab. "Los!" Nicht nur meine herzensgute Oma war kurz darauf erschüttert, was schon schlimm genug gewesen wäre, sondern auch mein Gehirn, denn statt moderner Kippstangen hatten wir damals nur ausgewachsene märkische Kiefern zur Verfügung. Und am Hang stand nur einer und p...: unser Nachbar Karlchen H.Horst Bosetzky ist unter dem Kürzel -ky der erfolgreichste deutsche Krimiautor und gemäß Selbsteinschätzung ein Sportverrückter. Am Ersten eines jeden Monats macht er sich im Tagesspiegel Gedanken über Gott, die Welt und den Sport.

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