Sport : ky zum Ersten: Die Fans der Keller Family

Horst Bosetzky

Wie ich zum Hockey gekommen bin? Nicht, was Sie denken, dass das von meinem zweiten Zweitnamen beziehungsweise Pseudonym herrührt. Nein, ich bin weder ein Stubenhocker noch hocke ich dauernd in der Kneipe, so dass keiner auf die Idee kommen konnte, mich "Hock-ky" zu nennen. Es hat alles viel früher begonnen, 1950 etwa. Mein Vater hatte sich zum Andenken an seine Zeit als Kriegsgefangener eine steife Hüfte mit nach Hause gebracht und musste beim Gehen einen Stock benutzen. Im Garten in Schmöckwitz drehte er den dann immer um und schlug Kienäppel vom Weg. Ich machte das natürlich nach, siehe Lernen durch Imitation und Identifikation, und wäre vielleicht ein Golfprofi ersten Ranges geworden, wenn da nicht, welch schicksalhafte Weichenstellung, meine Freunde Robert, Jörg und Gerhard auf den Plan getreten wären. Robert hatte seiner Tante Else einen alten Spazierstock abgeluchst, um den als Gewehr zu nutzen, setzte ihn aber als Hockeyschläger ein, um mir meinen Kienappel "abzufummeln". Als auch die anderen beiden mitmachen wollten, holten wir die Wanderstöcke meiner Vorfahren aus dem Schuppen und trugen unser erstes Hockeyspiel aus. Blutig ging es aus. Das lag weniger daran, dass ein Stockschlag auf das Schienbein Platzwunden erzeugt, sondern vor allem an den scharfkantigen Erinnerungsplaketten aus Blech, die Großmütter und -väter mit kleinen Nägeln an ihren Stöcken angebracht hatten. Endgültig wurde uns das Hockeyspielen untersagt, als der Tennisball, den wir bald statt der Kienäppel benutzten, eine der damals sehr kostbaren Fensterscheiben zertrümmert hatte.

Dass wir Kinder und Jugendliche damals eine Affinität zum Hockey hatten, mochte aber auch am Mythos der Olympischen Spiele von 1936 liegen. Die Älteren erzählten viel davon, auch die, die keine Nazis waren, und in jedem Haushalt, der nicht ausgebombt war, fand sich ein Olympia-Album. Und in diesem schwärmte man seitenlang vom indischen Hockey. Im Endspiel wurden die Deutschen mit 8:1 vom Platz gefegt. "Die Inder spielen, die Deutschen kämpfen." Über 60 Jahre sind vergangen, und doch kommen einem solche Sätze bekannt vor, insbesondere wenn man an Fußball denkt und statt Inder Brasilianer, Niederländer oder Franzosen einsetzt. Aber weiter aus meinem Album, herausgegeben vom "Cigaretten-Bilderdienst Hamburg-Bahrensfeld", das indische Hockey betreffend: "In keiner Disziplin des Sportlichen kennt man eine solche eindeutige Überlegenheit ... Man ist glücklich, diese kleinen, wendigen Kerle spielen zu sehen." Und wie begründen die ihre Extraklasse? "Unsere kleinen Buben spielen alle auf der Straße Hockey." Heute muss das anders sein, denn Indien ist im Hockey abgestürzt wie Deutschland im Fußball, wo die Jungen ja auch nicht mehr auf den Straßen kicken. Ob auch in Indien die Autos schuld sind?

Liest man die Aufstellung von 1936, so stutzt man sofort. Nicht, weil da ein Dr. Zander spielt und ein anderer Schmalix heißt, sondern wegen des Mittelläufers (nicht: Mitläufers) - ist doch da zu lesen: Keller. Das steht keineswegs dafür, dass die deutsche Mannschaft nach der hohen Niederlage gegen Indien in einem solchen war, sondern für die deutsche Hockey-Dynastie, von Erwin Keller begründet. Er heiratet Helga, zehnfache Nationalspielerin in derselben Sportart, und sie setzen Carsten in die Welt, der 1972 Kapitän jener Mannschaft ist, die erstes Olympiagold gewinnt. Weiter geht es mit Andreas Keller, der zweimal Silber und 1992 in Barcelona Gold gewinnt, und heute haben wir mit Natascha Keller vom BHC die "Weltspielerin des Jahres 1999". Ihr Bruder Florian wurde auch schon Europameister.

Sieht man sich Tabellen und Siegerlisten an, so findet man bei WM und Olympischen Spielen eine Häufung der Kürzel IND, PAK, GER bzw. FRG, AUS und NED, während bei den deutschen Vereinen die Großstädte präsenter sind als etwa beim Handball, neben Hamburg (Club an der Alster, Harvestehude, UHC, Klipper, Uhlenhorst), Berlin (BHC, Zehlendorfer Wespen, Z 88, Lichterfelde), München (RW, SC), Köln (RW, BW) und Frankfurt (1880, E), aber auch Rheydt, Crefeld (noch mit C statt mit K), Dürkheim, Rüsselsheim und Limberg Hockeygeschichte schrieben. Für Hockey gilt: klein, aber fein.

Trotz der "Keller Family", wie sie als Familiensaga keine Fernsehserie bieten könnte, ist das Feldhockey wohl dem Rollhockey überlegen, aber längst nicht so populär und bei Sponsoren so beliebt wie die Unterart, die man auf dem Eise spielt, vom Fußball ganz zu schweigen. Was ist so anders beim Hockey als bei diesem, der als das Maß aller Dinge gelten muss? Zuerst einmal: Der Ball ist kleiner und wird mit dem Stock statt mit den Füßen traktiert. Dann gibt es nicht nur richtige Ecken, lange Ecken, sondern auch kurze Ecken gleich Strafecken. Das erinnert die Älteren unter uns an ihre Schulzeit, wo sie zur Strafe in der Ecke stehen mussten.

Die Strafecken sind das schönste am Hockey. Es gibt sie, so scheint mir, bei einem Regelverstoß im Schusskreis, wenn einer den Ball zum Beispiel mit dem Fuß gespielt hat. Irgendwie erinnert das Ganze dann an American Football. Von der bestraften Mannschaft stehen vier Spieler mit dem Keeper auf der Torlinie - zwei links und zwei rechts von ihm. Die Angreifer sind am Schlusskreis postiert - bis auf einen, der die Ecke hereinschlägt, wenn der Schiedsrichterpfiff ertönt. In der Mitte wartet ein auserwählter Mannschaftskamerad, um ihn mit der Hand zu stoppen, damit ihn ein ebenso spezialisierter dritter Spieler mit aller Kraft aufs und ins Tor dreschen kann. Ist es soweit, dann geht es auf dem Hockeyfeld so zu wie auf dem Bahnhof Rostkreuz beim Umsteigen. Während der Ball von der Ecke in die Mitte fliegt, sprinten die Verteidiger wie beim Hundertmeterstart von der Linie los, um sich in den Schuss zu werfen und ihr Gehäuse zu verrammeln, der Torwart allen voran. Oftmals ist das aber vergeblich, und so ist eine Strafecke fast so etwas wie ein Elfmeter, der beim Hockey außerdem von der Siebenmetermarke aus geschossen wird und meist als Schlenzer in die Dreiangel kommt.

Aufs Tor schießen darf man nur, wenn man sich im Schusskreis befindet, so dass es beim Hockey keine Fern-, sondern nur Nahschüsse gibt. Damit das für den Torwart nicht letal ausgeht, ist er wie beim Eishockey mit Leder und Schienen gepanzert und trägt eine Maske. Auch besteht das Tor, um den Platzwart das dauernde Flicken des Netzes zu ersparen, in seinem unteren Teil aus Holz, ist also wirklich der sprichwörtliche Kasten. Damals, bei uns in Schmöckwitz, hatte dementsprechend auch die Abdeckung der elektrischen Pumpe als Tor zu dienen.

Sehen wir Hockey im Fernsehen, hat unsere Tante Mulle Mitleid mit den Spielern. "Die gehen ja so krumm, die haben wohl den Bechterew." Nein, aber vornüber gebeugt sind sie alle. Möglicherweise sind ihre Stöcke, Stäbe oder Schläger wegen der Holzknappheit im alten Indien zu kurz geraten. Hier sollte die Berufsgenossenschaft für besseres, das heißt, längeres Werkzeug sorgen.

Nun ja, wir haben es schon öfter beklagt, aber es ist nun einmal so: Wer Hockey sagt, denkt an Eishockey. Dabei sind dort nur jeweils pro Mannschaft fünf Spieler auf dem Eis, beim Feldhockey aber elf. Man kriegt also viel mehr geboten für sein Geld und frieren muss man auch nicht soviel. Was gibt es noch für Unterschiede? Spieler aus CAN, RUS, TCH, USA, SWE, FIN und anderen Staaten und Ethnien gibt es auf dem Rasen kaum, hier sind die Deutschen noch weithin unter sich.

Damit der Unterschied zum Eishockey klar erkennbar bleibt, wird Hockey im Winter in der Halle gespielt, dort aber nicht auf Rollen, weil das dann Rollhockey wäre, also wieder eine andere Sportart. Was wäre noch anzumerken? Dass Rockfetischisten unter den Sportfreunden anzuraten ist, ein Hockeyspiel der Damen zu besuchen, wenn auch Vereinsnamen wie Zehlendorfer Wespen darauf hindeuten, dass man sich zurückhalten sollte. Selber Hockey zu spielen hat auch den Vorteil, dass man beim Fasching ganz gut als katholischer Bischof gehen kann: den Krummstab hat man schon.

Ich gehe in den Keller, um nach dem Stock meines Vaters zu suchen und mit den Kindern auf dem Hof Hockey zu spielen. "Den habt ihr ihm in den Sarg gelegt", sagt Tante Mulle. Gott, ja hoffentlich wird nicht auch das Hockey eines Tages beerdigt, wenn die Fun-, Extrem- und Non-olympic-Sportarten hinwegfegen, was uns lieb und billig ist.

Horst Bosetzky ist als -ky der erfolgreichste deutsche Krimiautor und gemäß Selbsteinschätzung ein Sportverrückter. Am Ersten jedes Monats macht er sich im Tagesspiegel Gedanken über Gott, die Welt und den Sport.

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