Sport : ky zum Sonntag: Als das Tor noch bewacht und nicht gewartet wurde

Horst Bosetzky

Rund war er schon, aber der Ball hieß in der Sportberichterstattung der Jahre 1930/31 nicht Ball, sondern "die Kugel" oder "die Lederkugel". Das weiß ich aus den Zeitungsausschnitten, die mein Onkel Rudi, geboren 1914, gefallen 1944, in seiner Lichtenberger Schulzeit in drei Schreib- und ein Oktavheft geklebt hat. Glänzend schwarz sind die Deckel, und als ich den ersten aufschlage, denke ich sofort: "Deja vu!", denn was lese ich dort: "V.B.B. Meisterschaft: Hertha-B.S.C. - Tennis-Borussia 1:1". Beide Vereine wurden damals noch mit Bindestrich geschrieben, auch gibt es überall die Punkte, die dann später die F.D.P. erfunden hat. Unter dem ersten Rasterbild steht: "Gehlhaar boxt." Nicht gegen Schmeling, sondern die Kugel aus dem Strafraum. Gehlhaar ist der Torwächter der Herthaner. Man wacht noch über sein Gehäuse und wart(et) es nicht.

Immer wieder taucht der Name Hans Sobek auf, öfter auch mit c-k geschrieben. "Hans Sobek, Berlins volkstümlichster Fußballspieler und einer der technisch vollkommensten deutschen Verbindungsstürmer, stoppt in klassischem Stil einen Ball mit der Brust". Hanne (halbrechts) ist Bankbeamter und "Star" der Hertha-Mannschaft. Sogar diesen Begriff kannte man schon. Auch die anderen haben ihre Berufe, und es wird immer wieder auf sie hingewiese. "Torwächter Paul Gehlhaar, der Mann des guten Auges, der in seinem Beruf als Mechaniker wie auch als Spieler scharf aufpassen muss." Der rechte Verteidiger Emil Domscheid ist Klempner, der Mittelläufer Ernst Müller Lagerverwalter, und Mittelstürmer Bruno Lehmann hat ein Zigarrengeschäft. "Linksaußen-Stürmer" Willi Kirsei (auch mal mit ey hinten) "macht im Leben für andere Reklame, im Spiel für sich selbst: er ist Reklamezeichner." 1930 gibt es zwischen Hertha und Tennis zwei "Entscheidungskämpfe" um die Berliner Meisterschaft - und die gewinnen die Männer um Hanne Sobe(c)k mit 3:1 und 2:0. "Krisen entstanden vor beiden Toren, doch die Führung fiel an die Borussen." So eine Bildunterschrift zum ersten Spiel. Da wa der Borusse Strohwig in der 23. Minute "schneidig losgezogen, und der von ihm nach innen gelenkte Ball kam zu Handschuhmacher, der trotz ungünstiger Schußstellung den ersten Treffer markieren konnte". Nach der Pause aber folgten die drei Hertha-Treffer durch den Botenmeister Leuschner, den "Rechtsaußen-Stürmer" Ruch ("Ruch sandte ein") und den "energiegeladenen" Kirsei. Nun beginnt der Siegeszug von Hertha B.S.C.: In der Vorrunde bezwingt man den V.f.B. Bielefeld mit 5:2 und in der Zwischenrunde die Sp.Vgg. Fürth mit 3:1. Der Berichterstatter läuft zur Höchstform auf. "... der grimme Hagen in alter Form rettet mit Kopfstoß" und: "Ist Sobeks Haltung, seine Konzentration auf den Erfolg nicht wundervoll?" So wundervoll, dass sich Sobe(c)k mit dem Jongleur Rastelli und dessen Frau ablichten lässt. In der Vorschlussrunde wird der Hamburger S.V. n. Verl. mit 3:2 (2:2) geschlagen, und dies auf neutralem Platz in Leipzig. Unter einer Aktion Gehlhaars steht: "Rücksichtslos stürzt er sich dem Stürmer vor die Füße." Es folgt das Endspiel gegen den T.S.V. 1860 München in Köln. "Die Herthamannschaft läuft frisch, strahlenden Gesichtes aufs Stadionfeld. Noch weiß sie nicht, daß sie einen ihrer schlechten Tage haben und nur kraft ihrer Routine siegen wird." Dies mit 3:2.

Auf den Fotos sind immer wieder dieselben hager-kantigen Gesichter zu sehen, die wenig später von Stahlhelmen verdeckt sein werden. Es gibt noch keine Werbung, weder auf den Banden noch den Brustkörben der Akteure. Am meisten verblüfft das Fehlen von Nummern und Spielernamen auf den Rücken, unschuldig und rein zeigt sich die Riesenfläche zwischen Haaransatz und Hosenbund. Auch sind die Hosen länger und die Jerseys unifarbener, alle Torleute tragen eine Schiebermütze, die "Töppen" wirken klobig wie Bergsteigerstiefel.

Was den Berliner Fußball betrifft, so liest man Namen wie B.F.C. Preussen (2:2 gegen Hertha im "Verbandsspiel"), Union Oberschönweide (1:2 gegen Tennis Borussia), Viktoria 89, B.S.V. 92 (die sich beide 3:1 trennen), Blau-Weiß 90, Polizei Sp.V und 1. F.C. Neukölln (2:3 gegen Tennis Borussia, wo Butterbrodt im Tor steht)!

Viel Klebstoff hat Onkel Rudi auch für den legendären "Fußball-Länderkampf" Deutschland - England verbraucht, der am 10.V.1930 in Berlin stattgefunden hat und mit einem 3:3 endete. Der Name Kuzorra ziert das deutsche Team, aber die Helden des Tages sind der Torwächter Kreß (Frankfurt) und Deutschlands größtes "Sturmtalent", Richard Hofmann vom Dresdner S.C. (frühe Meerane 07), der "beim Abfeuern eines seiner Bombenschüsse aufs feindliche Tor" abgelichtet wird. "Hofmann erzielte alle drei Treffer gegen England. Er hat erst vor wenigen Wochen bei einem Autounfall gefährliche Verletzungen erlitten und dabei sein rechtes Ohr eingebüßt. Er spielte daher mit einem Kopfverband." Auch muss es vor dem Spiel ein Attentat auf einen der englischen Spieler gegeben haben, denn: "Der Engländer Watson greift mit einem Kopfschußs das deutsche Tor an." Überhaupt wird sehr martialisch berichtet: "Der Halblinke Bradford ist von Watson schußfrei gemacht worden und schießt augenblicklich unhaltbar ein." Jemanden "schußfrei" spielen, ist einfach herrlich und sollte wieder in die Sportreportersprache eingeführt werden.

Auch andere "Länderkämpfe" begeistern Onkel Rudi. Am 4. V. 1930 wird die Schweiz in Zürich mit 5:0 deklassiert. Den Führungstreffer markiert Richard Hofmann: "Ball am Fuß ... Bombenschuß ... Tor." Österreich allerdings unterliegt man am 24. V. 1931 in Berlin vor 28 000 Zuschauern mit - mein Gott! - 0:6. Gegen Holland gab es zuvor am 26. IV. 1931 in Amsterdam immerhin ein 1:1 (0:0). In einer "tragischen Szene" fällt da in der 29. Minute das 0:1, Schlösser gleicht jedoch aus, und der Reporter kann seinen Leistungsnachweis in Sportphilosophie mit einer Eins abschließen: "Aber, und das ist die ewig fesselnde Ungewißheit im Fußballspiel, niemand ist vor dem Ende des Kampfes glücklich zu preisen ..." Schöner kann man es nicht sagen.

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