Sport : ky zum Sonntag: Die Sandmännchen von Miami Beach

Horst Bosetzky

Es ist kühl und regnerisch, eigentlich will und muss ich jetzt zum Literaturfest auf dem Bebelplatz gehen, doch da lese ich im "Sportprogramm" dieser Zeitung: "Beachvolleyball. Weltserienturnier der Frauen, Hauptfeld, 9 Uhr, Platz zwischen Alexanderplatz und Jannowitzbrücke." Sofort rufe ich Freund Peter an. Ob er denn nicht mitkommen wolle, so etwas dürfe Mann sich doch nicht entgehen lassen. Freudig erregt sagt Peter zu.

Beach-Volleyball wäre wortwörtlich mit Strand-Salven-Ball zu übersetzen, denn volley gleich Salve oder Hagel, was ja irgendwie auch Sinn macht, denn Hagelschauer könnte es wohl geben, so schwarz sind die Wolken, so drohend ist der Himmel, als wir schließlich den Strand erreichen.

Nun gut, nicht direkt den grünen Strand der Spree, der ist einen halben Kilometer entfernt, sondern den Platz, auf dem sich früher immer der Ostberliner Weihnachtsmarkt befunden hat. Aber Sand gibt es jede Menge, weitaus mehr jedenfalls als Sie zu Hause im Buddelkasten haben. Die Beach-Volleyballer bezeichnen sich selbst als Sandwühler.

Peter, seines Zeichen Vermessungsingenieur, errechnet, dass man auf jedem der vier Spielfelder 200 Kubikmeter angehäuft hat, jeweils rund 20 Lastwagen voll. Wo mag er herkommen? Wahrscheinlich aus Miami Beach, vom Sandmännchen herangekarrt.

Zurück zum Geschehen in der Hauptarena, wo 4000 Zuschauer Platz finden können. Aufschlag - Annahme - Pritschen/Baggern/Stellen - Schmetterball oder Lob, so geht es Mal für Mal. Ein Spiel im Volleyball dauert eben seine Zeit, obwohl inzwischen nicht bloß die Mannschaft punkten kann, die Aufschlag hat. Ein wenig Sand steckt auf jeden Fall im Getriebe.

Wir sitzen mit dem Gesicht zur Stadtbahn, haben rechts den Fernsehturm und vor uns im Minutentakt S- und Fernbahn. Ein Zug der alten Baureihe 477 fällt uns wegen seiner Vollreklame ganz besonders auf. "Da ist er ja schon wieder zurück!", ruft Peter nach einer knappen Stunde, und seine Stimme ist voller Emphase. - "Warum denn nicht", gebe ich zurück, "meinst du, das ist wie beim Einwegwaschlappen, und sie verschrotten ihn sofort, wenn er am Ziel angekommen ist. Ihr Autofahrer habt vielleicht Vorstellungen ..."

Ab 13 Uhr 55 erleben wir auf dem Center Court das Highlight des frühen Nachmittags, nämlich das Gefecht zweier einheimischer Nationalteams: GER II gegen GER III, wobei der Sprecher sehr an unselige alte Zeiten denken lässt, nämlich an GDR vs. FRG (Deutsche Demokratische Republik gegen Bundesrepublik Deutschland), denn er kündigt es an als "das deutsch-deutsche Duell". Gegenüber stehen sich Ulrike Schmidt/Gundula Staub (rot) und Ines Pianka/Stephanie Pohl (gelb). Power on the way to the Olympics, denn seit 1996 ist Beach-Volleyball sogar olympisch. Das dritte deutsche Spitzenteam - Danja Müsch und Maike Friedrichsen - ist schon ausgeschieden, was schade ist, denn im Programmheft werben sie mit einem Spruch für sich, der nicht nur mich und Peter neugierig macht: "Auf uns sollte man achten, weil wir super neue, knallorangefarbene Bikinihosen tragen werden."

Bald gehen Schmidt/Staub in Führung. "Besser Schmidt/Staub als Schmidt-Schnauze", sage ich. Peter fragt mich, warum an beiden Seiten des Netzes rot-weiß-rote Stäbe in die Höhe ragen. Ich vermute, dass das die Reklame für eine neue Eissorte ist ("Leuchtturm lutschen"), werde aber sofort von einem kundigen Zuschauer korrigiert: "Die sind da, damit man den Ball nicht außen am Netz vorbeischlagen kann." 2,24 Meter hoch ist dieses gespannt, viel zu hoch, um bei einem Sieg vor Freude darüberzuspringen.

Aus-Zeiten und Platzwechsel werden von etlichen Helfern genutzt, den aufgewühlten Sand mit Harken und Schiebern wieder zu glätten. Hier zu wischen, so wie Sie es aus den Hallen gewohnt sind, brächte in der Tat nicht viel.

Die Spielerinnen nutzen jede Aufschlagpause, die größten Kuten mit den nackten Füßen selber wieder zu verfüllen. Nach jedem Ballwechsel schlagen sie sich klatschend auf die Handflächen, wahrscheinlich damit der Sand abgeht. Sturm kommt auf - und so mancher Ball landet dadurch knapp neben dem blauen Band, das die Linien bildet. In der Halle müsste man da schon ganz schön pusten, um den Ball des Gegners ins Aus zu blasen. Anfangs haben wir allerdings Spielerinnen erlebt, deren Ball im Feld geblieben ist, obwohl sie AUS auf dem Hemden stehen hatten.

Unser Sprecher ist nicht so ganz bei seinem deutsch-deutschen Duell, denn auf dem Nebenplatz geschieht etwas, das eigentlich gar nicht geschehen dürfte: Die Brasilianerinnen Behar/Shelda, Weltranglisten-Erste und angereist mit einem Stab von 14 Leuten, darunter einem Ernährungswissenschaftler und einem Physiotherapeuten, verlieren gegen die Chinesinnen und scheiden aus. "Das Turnier ist frei von Brasilianerinnen", ruft er. "Unglaublich!" Danach wendet er sich wieder dem Center Court zu: "Wir nehmen noch einmal die Hände in die Hand und machen Stimmung für Berlin. Stimmung, die einer Hauptstadt würdig ist." Da klatsche ich so wild, dass mein teurer Kugelschreiber unter die Stahlrohrtribüne fällt und damit abzuschreiben ist.

Es gibt herrliche Ballwechsel, sportlich hochkarätig. Beifall brandet auf. Da fällt mir ein, dass ich auch mal Volleyball gespielt habe, wenn auch nicht als Frau, sondern in der Betriebssportgruppe der FHSVR und in der Freizeitgruppe des BSC. Bis ich mir beim Versuch, einen Schmetterball anzunehmen, den Daumen gebrochen habe.

Schmidt/Staub führen schließlich mit 14:8, brauchen aber vier Matchbälle für den letzten, den siegbringenden Punkt. Wir jubeln, und das gibt den beiden so viel Kraft, dass sie am Abend auch die Amerikanerinnen Jordan/Davis schlagen und damit den größten Triumph ihrer Beach-Karriere erleben. Schließlich werden sie am Sonntag Vierte.

Es folgt das Spiel zweier USA-Teams, wobei die eine Spielerin sogar mit einem Bauchmuskelfaserriss antreten will. Es geht um nicht nur um sportliche Ehren, sondern auch um das liebe Geld, schließlich lebt man vom Baggern und Pritschen. 150 000 Dollar an Preisgeldern hat man ausgelobt, die Siegerinnen erhalten 20 000 DM. Damit noch mehr Geld in die Kasse kommt, werden Postkarten verteilt, die man an ARD und ZDF schicken soll, damit aus Sydney Beach-Volleyball und "richtiger" Volleyball öfter live übertragen werden.

Die Holzbänke haben keine Lehnen, mein Rücken schmerzt, und es wartet der Bebelplatz mit dem Literaturexpress Europa 2000 und dem Berliner Bücherfest. Wir gehen. Buch schlägt Beach.

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