Sport : Lächelnder Bösewicht

Chinas Volleyballtrainer lässt sich vor dem WM-Halbfinale gegen Italien von Manipulationsvorwüfen nicht schrecken

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Von Helen Ruwald

Berlin. Keine Spur von asiatischer Zurückhaltung. Fröhlich saß Zhonghe Chen, der Bösewicht, vor den Journalisten, immer wieder lächelte der Trainer der chinesischen Volleyball-Nationalmannschaft. Er war heiterer als sein italienischer Kollege Marco Bonitta, dessen Team heute Chinas Gegner im WM-Halbfinale ist (18 Uhr, Max-Schmeling-Halle). Heiterer auch als Nikolai Karpol (Russland) und Toshiaki Yoshida (USA), deren Mannschaften um 15 Uhr das erste Semifinale bestreiten. Vielleicht war der Chinese erleichtert, dass er überhaupt in Berlin sein konnte. Im Viertelfinale gegen Brasilien hatten seine Spielerinnen sich in Stuttgart überraschend erst im Tiebreak durchgesetzt. Hätten sie verloren, wären Chens Rechenspiele der vergangenen Tage umsonst gewesen. Nicht nur das, er hätte sich gründlich verrechnet.

Der vermeintliche Bösewicht blieb sogar fröhlich, als er zu seinen Missetaten befragt wurde. Ob taktische Niederlagen ein Verstoß gegen den Sportsgeist seien? Eine solche taktische Niederlage - und dieser Begriff findet sich selbst in den offiziellen Presseunterlagen - hatte sich China in der Vorrunde gegen Griechenland (0:3) und im dritten WM-Zwischenrundenspiel gegen Korea geleistet. China war Gruppenzweiter statt Erster geworden, um, so wurde gemunkelt, leichtere Gegner zu bekommen. Die Niederlande waren deshalb ausgeschieden. „Diese WM ist eine Schande“, hatte Hollands Trainer Angelo Frigoni gesagt und gefordert, dass die Chinesinnen von der WM ausgeschlossen oder finanziell bestraft würden. Seinem Verband hatte er empfohlen, den Weltverband und die deutschen Organisatoren zu verklagen. Dazu wird es nicht kommen, der holländische Verband hat sich für das Vorpreschen des Trainers entschuldigt.

„Wir wollten nicht verlieren“, sagte Zhonghe Chen, „ich wollte meinen jungen Spielerinnen eine Chance geben“. Das Gegenteil ist nicht nachzuweisen, doch nun steht neben Chens Sportsgeist auch der neue Turniermodus in Frage, mit Zwischenrunde und erst im Viertelfinale einsetzendem K.o.-System. Moderate Kritik an Chinas Auftritten übten die Trainerkollegen. Bei einer WM müssten alle Spiele qualitativ gut sein, sonst schade man dem Sport, sagte Yoshida. „Als Trainer muss ich die Mannschaft führen und gewinnen“, sagte Karpol - der allerdings am Vortag, als Chen nicht zugegen war, Chinas Verhalten noch als Skandal bezeichnet hatte.

Chen selbst sprach lieber von seinen jungen Spielerinnen, die nicht so viel Erfahrung hätten wie die großgewachsenen Italienerinnen. Das Team des Vizeweltmeisters wurde nach Platz fünf bei Olympia 2000 stark verändert. Zumindest in punkto Länge muss Chen sich nicht sorgen: Seine Spielerinnen sind für aisatische Verhältnisse riesig. Ruirui Zhao misst 1,96 Meter, die kleinste Spielerin, Li Ying, ist mit 1,77 Meter immer noch 15 Zentimeter größer als ihre Kollegin auf der Liberoposition, Paola Cardullo. Vorteil China, ganz ohne Tricks. Seine Spielerinnen künstlich zu dehnen, das schafft nicht einmal der lächelnde Bösewicht.

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