Länderspiel : Den Ball nicht im Griff

Der DFB-Elf droht ein Torwartproblem: Jens Lehmann patzt und Timo Hildebrand spielt nicht.

Stefan Hermanns[London]
Lehmann
Wacklig: Als Arsenal-Torhüter hat Jens Lehmann zuletzt mehrfach daneben gelangt. -Foto: AFP

Die angeblich so unsicheren Hände machten einen sehr sicheren Eindruck. Jens Lehmann zeigte keinerlei Schwächen, nicht einmal bei den filigranstmöglichen Übungen. Der Torhüter der deutschen Fußball-Nationalmannschaft hielt den Kugelschreiber eines Londoner Nobelhotels zwischen seinen Fingerkuppen, drehte ihn vorsichtig um die eigene Achse, einmal in diese, dann in jene Richtung, und es sah so aus, als diene diese Übung dazu, ein geheimes Kraftfeld zu vermessen. Lehmann verrichtete die Aufgabe mit höchster Konzentration. Vor dem heutigen Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen England war das schon mal nicht die schlechteste Botschaft, die der Torhüter hinaus in die Welt sandte.

In England, wo Lehmann beim FC Arsenal einer geregelten Arbeit nachgeht, hat der Deutsche zuletzt viel Spott auf sich gezogen, nachdem ihm am Wochenende ein harmloser Fernschuss von Blackburns David Dunn über die Fäuste ins Tor gerutscht war. „Einen solchen Fehler habe ich in meiner ganzen Karriere noch nicht gemacht“, sagte Lehmann, „weder im Training noch im Spiel.“ Der Fehlgriff hatte den Ausgleich zum 1:1-Endstand zur Folge, weswegen die „Times“ tags darauf klagte: „Lehmann lässt drei Punkte durch die Finger gleiten.“

Der deutsche Torhüter wusste sofort, was er verbrochen hatte. Er schlug sich die Hände vors Gesicht, sein Trainer Arsène Wenger berichtete später von seinem Eindruck aus der Kabine, wo er Lehmann immer noch „total niedergeschlagen“ erlebte. In Anlehnung an den fahrigen englischen Nationaltorhüter David James bezeichnete der „Guardian“ Arsenals Keeper sogar als „Calamity Jens“ und mokierte sich darüber, dass ausgerechnet die „Lachnummer Lehmann“ den englischen Fußballern mangelnde Druckresistenz nachgesagt hatte.

Der Druck lastet jetzt auf Lehmann, dessen Fehler die englischen Medien mit einigem Genuss kommentierten. „Lehmann wird zur Gefahr“, schrieb der „Guardian“. Die „Sun“ jammerte: „Oh nein, nicht schon wieder!“. Bereits eine Woche zuvor hatte der Torhüter ein Tor verschuldet – mit seinem ersten Ballkontakt der gesamten Saison. Lehmann, mit zwei unvereinbaren Gedanken im Kopf, hatte beim Versuch, dieses Problem zu lösen, den Ball mit dem einen Fuß an sein anderes Bein geschossen. Davon abgesehen aber habe er ordentliche, gute Spiele bestritten. „Das waren so einfache Fehler, dass ich mir keine Sorgen mache oder mein prinzipielles Können als Torhüter infrage stellen müsste“, sagte Lehmann.

Trotzdem muss der deutsche Fußball im Moment ein bisschen aufpassen, dass ihm nicht wieder ein Torwartproblem angedreht wird – mit dem Unterschied, dass es sich diesmal – anders als in den Jahren 2004 ff. – nicht um ein sogenanntes Luxusproblem handeln würde. Während sich Bundestrainer Jürgen Klinsmann vor der WM 2006 noch zwischen zwei zu guten Bewerbern für eine Position entscheiden musste, besitzt sein Nachfolger Joachim Löw aktuell für zwei Positionen keinen Kandidaten, der über alle Zweifel erhaben ist: Lehmann hat sich diese beiden Fehler mit Torfolge geleistet, und dass Timo Hildebrand bei seinem neuen Klub, dem FC Valencia, vor einer fehlerfreien Saison steht, hängt vor allem damit zusammen, dass er nach jetzigem Kenntnisstand die Saison wohl hinter dem 37 Jahre alten Santiago Canizares auf der Bank verbringen wird.

„Ich werde mich in Valencia durchsetzen“, sagt der frühere Stuttgarter. „Früher oder später.“ Für den Fall, dass dies eher später als früher geschieht, hatte Bundestrainer Löw bereits öffentlich seine Sorge geäußert und den Status Hildebrands als erster Vertreter Lehmanns bei der Europameisterschaft im nächsten Sommer infrage gestellt. Die ganze Debatte erhielt dadurch einen solchen Drive, dass der Bundestrainer seine Gedanken nun öffentlich widerrief: „Wir zweifeln nicht an Timo Hildebrand. Wir kennen seine Qualitäten.“ Dieselbe Form der Unterstützung lässt Löw im Moment auch Lehmann zukommen. „Er ist und bleibt mit Blick auf die EM unsere Nummer eins“, sagt der Bundestrainer. Ob er das auch bei Arsenal bleibt, ist eine andere Frage. Inwiefern Lehmann das beschäftigt? „Damit beschäftige ich mich nie.“ Und der Druck der englischen Presse? „Ich spüre den Druck gar nicht“, sagt Lehmann. „Weil ich nichts lese.“

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