Länderspiel : Die vierte Absage in 101 Jahren

Dass der deutsche Fußball nach Robert Enkes Tod innehält, erscheint vielen als selbstverständlich. Und ist doch ein Novum. Länderspiele fielen bisher nur aus politischen Gründen aus.

Sven Goldmann

Berlin - Wenn denn in der 101-jährigen Geschichte der Nationalmannschaft mal ein Spiel abgesagt wurde, geschah dies aus politischen Gründen. Zum ersten Mal war das im Ersten Weltkrieg der Fall. Für das Jahr 1914 hatte der DFB zehn Länderspiele angesetzt. Gespielt wurde aber nur am 5. April gegen die Niederlande, alle weiteren Spiele sagte der DFB nach Kriegsbeginn ab. Sechs Jahre lang ruhte der Spielbetrieb der Nationalelf.

Als der Zweite Weltkrieg heraufzog, hatte das nur kurz Einfluss auf den Fußball. Für den 27. August 1939 war ein Länderspiel gegen Schweden geplant. Am Abend vor der Abreise nach Stockholm nahm DFB-Generalsekretär Georg Xandry Trainer Sepp Herberger zu Seite und informierte ihn über die Absage des Spiels – „wegen drohender Kriegsgefahr“. Am nächsten Morgen schickte Herberger die Spieler nach Hause. Kurz darauf erreichte ihn ein Anruf von Xandry. Das Außenministerium habe sich eingeschaltet, das Spiel dürfe auf keinen Fall abgesagt werden, die Schweden würden ein Flugzeug schicken. Herberger lehnte ab. Die Nazis aber inszenierten Länderspiele damals als Propagandaveranstaltungen und mochten darauf nicht verzichten. Noch bis Ende 1942 tourte die Nationalelf durch das von Deutschland besetzte Europa.

Zur bislang letzten Absage kam es im Jahr 1994. Am 20. April wollte Weltmeister Deutschland in Hamburg gegen England für die WM in den USA testen. Hitlers Geburtstag war kein optimaler Termin für ein Großereignis mit Publikum. Als im Januar bekannt wurde, dass neofaschistische Gruppen das Spiel zu einer Gedenkfeier umfunktionieren wollen, gab die Stadt Hamburg das Spiel an den DFB zurück. Berlin bot sich als Ersatzausrichter an. Der DFB schlug ein und weigerte sich standhaft, das Spiel auf einen anderen Termin zu legen. Jetzt aber entdeckten die an Nazi-Themen traditionell stark interessierten englischen Zeitungen das Thema für sich. Beinahe täglich druckten sie Hakenkreuze und Bomber auf ihren Titelseiten. Als auch das britische Außenministerium vor dem Spiel warnte, hatte der englische Verband genug und sagte das Spiel ab. Sven Goldmann

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