Länderspiel in Berlin : Fabio Capello: Ein Gewinner für England

Der Meistertrainer soll endlich Erfolg bringen – unter dem WM-Titel macht es ein Fabio Capello nicht. Das Spiel gegen Deutschland in Berlin nutzt er zum Experimentieren.

Markus Hesselmann[London]
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Siegen lernen soll England vom Italiener Fabio Capello.Foto: AFP

Eins hat Fabio Capello gleich zu Anfang geklärt: „Ich will mit England Weltmeister werden“, sagte der Italiener, als er den englischen Job vor knapp einem Jahr übernahm. In dem, was bis dahin war, sah Capello kein Hindernis auf dem Weg zu dem, was nun mit ziemlicher Sicherheit kommt. Denn jetzt ist er ja da, der Erfolgstrainer, der Titelsammler, der Real Madrid, den AC Mailand, AS Rom und Juventus Turin zu Meisterschaften geführt hat.

Eine Erfolgsprämie hat er sich erst ab Erreichen des WM-Finales 2010 ausbedungen. Dass er jetzt ein Team trainieren würde, das auf peinliche Art mit einer Heimniederlage gegen die bereits qualifizierten Kroaten die EM verpasst hat, irritierte Capello nicht. Ein Team auch, bei dem die Diskrepanz zwischen großen Namen und dem Kläglichen, was am Ende herauskam, schon legendär war. Doch was soll einen Mann, dessen soeben vorgelegte Biografie den Titel „Portrait of a Winner“ trägt, auch aus der Ruhe bringen?

Freundschaftsspiele in Berlin jedenfalls nicht. „Capello käme eine Niederlage gegen Deutschland sogar ganz gelegen“, sagt Gabriele Marcotti, der das „Porträt eines Gewinners“ geschrieben hat. „Capello will nicht, dass in England jetzt schon Euphorie ausbricht.“ Trotz klarer Ansage mit Zielsetzung WM-Titel: Jetzt ist nicht die Zeit für Überschwang bei den Fans und in den Medien. Capello hat in seiner kurzen Zeit auf der Insel gelernt: Beim Fußball ist Understatement für Engländer keine Tugend, anders als in anderen Lebenszusammenhängen.

Das Kroatien-Trauma überwunden

Doch es gibt ja auch realen Anlass zur Zuversicht: Die blamable Niederlage gegen Kroatien hat Capellos Team mit einem 4:1-Sieg in Zagreb wiedergutgemacht. Auch sonst läuft es in der WM-Qualifikation gut. England führt in seiner Gruppe mit fünf Punkten Vorsprung vor dem Zweiten Kroatien.

Ein schöner Jahresabschluss für die Fans wäre da doch ein Sieg gegen Deutschland, den ewigen Rivalen, gegen den England mit Ausnahme der WM 1966 und dem 5:1-Sieg in der Qualifikation für die WM 2002 in den vergangenen Jahrzehnten eigentlich immer schlecht aussah. Fußballhistorischen Exkursen aber kann Capello nichts abgewinnen. Selbst dann nicht, wenn es um seine Person geht. „In seinem Haus erinnert nichts an seine Fußballkarriere“, sagt Biograf Marcotti.

Capello wird das historisch aufgeladene Spiel in Berlin ganz geschäftsmäßig dazu nutzen, Bewerbungen zu sichten. Eine Reihe von Stars fehlen verletzt (Rooney, Ferdinand, womöglich auch Terry und Gerrard) oder wurden gar nicht erst nominiert (Beckham, Owen). Stattdessen gibt Capello jungen Kandidaten eine Chance, dabei zu sein: Zum Beispiel dem 20-jährigen Verteidiger Michael Mancienne, zurzeit vom FC Chelsea an Zweitligist Wolverhampton Wanderers ausgeliehen. Oder Ashley Young (23), Curtis Davies (23) und Gabriel Agbonlahor (22) von Aston Villa.

Die Aston-Villa-Schule

Bei Villas 2:0-Sieg beim FC Arsenal am Sonnabend erzielte der schnelle Stürmer Agbonlahor einen Treffer und lieferte Arsenals Eigentorschützen Gael Clichy das entscheidene Kopfballduell. Die Berufung von Young, Davies und Agbonlahor, zusammen mit Gareth Barry, honoriert die Strategie des Klubs aus Birmingham, gegen den Trend in der Premier League einheimische Talente zu fördern. Sieben Engländer standen gegen Arsenal in der Startelf.

„England, England“, riefen die Villa-Fans im Gästeblock des Emirates-Stadions. Trainer Martin O’Neill, ein katholischer Nordire, fährt gut mit der England-Strategie. Sein Team liegt auf Platz fünf, nur durch die Tordifferenz getrennt vom FC Arsenal und einem Tabellenrang, der zur Teilnahme an der Qualifikation zur Champions League berechtigen würde.

Die neue Arsenal-Generation

Doch auch Arsenal, mit vielen ausländischen Spielern oft als Sinnbild der Misere für Englands Talente herangezogen, macht inzwischen in englischen Fußballern. Stolz verweist Trainer Arsene Wenger auf eine neue, englisch geprägte Arsenal-Generation um den 16 Jahre jungen Jack Wilshere, den sich Wenger sogar schon bei der WM 2010 vorstellen kann.

Der 62 Jahre alte Capello wird deshalb nun kaum Visionen bekommen. „Er ist ein Mann, der mit dem arbeitet, was er vorfindet, und immer das Beste daraus macht“, sagt Biograf Marcotti. Ihm geht es mehr um den Erfolg beim nächsten Turnier als um die Zukunft des englischen Fußballs als solchem.

„Gewinnen um jeden Preis. Heißt das etwa auch Schwalben im Strafraum?“, fragte ein Fan vergangene Woche bei einer Gesprächsrunde des Fanklubs „LondonEnglandFans“ vor dem Spiel in Berlin. Marcotti gab Entwarnung. Auch diese aus englischer Sicht kontinentale Tradition interessiert Fabio Capello nicht.

Englands Kader für Berlin

Tor: Carson (West Bromwich Albion),  James (Portsmouth), Robinson (Blackburn); Abwehr: Bridge (Chelsea), Davies (Aston Villa), Johnson (Portsmouth), Terry (Chelsea), Lescott (Everton), Mancienne (Chelsea), Richards (Manchester City), Upson (West Ham United); Mittelfeld: Barry (Aston Villa), Carrick (Manchester United), Downing (Middlesbrough), Gerrard (Liverpool), Lampard (Chelsea),  Wright-Phillips (Manchester City), Ashley Young (Aston Villa); Angriff: Agbonlahor (Aston Villa), Bent (Tottenham), Crouch (Portsmouth), Defoe (Portsmouth), Walcott (Arsenal).

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