Länderspiel : Kerzen und Pfiffe

Die gläserne Flügeltür zur Kapelle der Schalker Arena war weit geöffnet. Auf dem Altar stand ein Bild von Robert Enke, drei Kerzen leuchteten. Es war Mitternacht im lautesten Fußballstadion Deutschlands und niemand war an diesem stillen Ort. Michael Rosentritt über das Erbe von Robert Enke.

Michael Rosentritt

Vom Bild aus schien Robert Enke durch die Glastür hinein in jenen Vorraum zu blicken, in dem nach Spielen die Mixed Zone eingerichtet ist, jene Zone also, wo Fußballprofis und Journalisten sich begegnen und für Gewöhnlich rege Betriebsamkeit herrscht. Er spüre Realität, sagte DFB- Präsident Zwanziger nach diesem ersten Fußballspiel seit der Selbsttötung Enkes. Es sei ein erster Schritt in die Normalität gewesen, sagte der Mittelfeldspieler Hitzlsperger. Man habe sich ein Stück weit befreien können von der Trauer, sagte Abwehrhüne Mertesacker. Ihre Mienen sagten mehr.

Dass sich ein Nationalspieler auf die Gleise stellt, um sich von einem Zug überrollen zu lassen, hat dem Fußball Fragen gestellt und Aufgaben gegeben. Acht Tage später ist der Fußball auf dem besten Weg, seinen routinierten Lauf aufzunehmen. Wie schnell das geht!

Als der Münchner Stürmer Gomez eingewechselt wurde, wurde er von 30 000 Zuschauern ausgepfiffen. Ausgepfiffen von jenen, die vor Spielbeginn noch Plakate der Trauer um Enke in die Höhe hielten. Was ist Realität? Beides?

Es stand nie infrage, dass der Fußball wieder seinen gewohnten Betrieb aufnimmt. Die Frage war: Mit welchem Bewusstsein? „Wir müssen dazu kommen, dass im Fußball jeder ohne Angst leben kann. Mit seinen Stärken, Schwächen und Neigungen“, hatte Zwanziger gefordert. Ist das unrealistisch?

Seit Mittwoch ist klar, dass der Fußball es nicht allein schaffen kann. Er braucht die Gesellschaft dafür. Die beklagenswerten Maßlosigkeiten im Fußball rechtfertigen nicht die Maßlosigkeit im Zuschauerrang. Was soll ein Gomez denken und fühlen, wenn er ohne Ballberührung niedergepfiffen wird? Einer, der weiß, was Druck bedeutet, nachdem er gerade für 35 Millionen Euro von Stuttgart nach München gewechselt ist.

Die Öffentlichkeit hat gewisse Rechte und jene, die sich in ihr bewegen, auch. Sie in eine für beide halbwegs erträgliche Balance zu bringen, kann ein Ziel sein. Vielleicht gelingt es, den Weg dahin etwas zu verkürzen.

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