Länderspiel : Neues Deutschland

Österreich entdeckt den großen Nachbarn als Vorbild.

Stefan Hermanns

Wien - René Aufhauser hat fortan einen festen Platz in den Annalen des österreichischen Fußballs. Er ist und bleibt nicht nur der einzige aktuelle Nationalspieler, der schon einmal ein Länderspieltor gegen Deutschland erzielt hat; er ist vermutlich auch der einzige, dem es gelungen ist, einen deutschen Nationalspieler zu tunneln. Unter großem Hallo schob Aufhauser am Mittwochabend seinem Gegenspieler Bastian Schweinsteiger den Ball schon nach sieben Minuten durch die Beine. Im Fernsehen wurde die Szene später mehrmals wiederholt. Die Piefkes blöd aussehen zu lassen – das freut das ganze Land. Und die Piefkes sahen in Wien anfangs ganz schön oft ganz schön blöd aus.

„Ich kann mich nicht erinnern, dass Deutschland von Österreich je so beherrscht wurde“, sagte Herbert Prohaska, einer der Helden von Cordoba. Entsprechend schneidig war die Atmosphäre im Happel-Stadion. „Das war ein kleiner Schritt nach vorne, auch was die Beziehung zwischen Mannschaft und Zuschauern betrifft“, sagte Verteidiger Emanuel Pogatetz, der es mit Österreichs Fußballern eher gewohnt ist, vom eigenen Volk verhöhnt zu werden. Das Spiel gegen die Deutschen war ein erstes Indiz, dass sich das Land gerade noch rechtzeitig mit seiner Nationalmannschaft versöhnt hat und der Heimvorteil bei der EM sich nicht zwingend in einen Heimnachteil verkehren muss. „Natürlich müssen wir bei der Euro das Publikum hinter uns bringen“, sagte Nationaltrainer Joseph Hickersberger. „Das können wir nicht, wenn wir 90 Minuten defensiv spielen.“

In Deutschland hat man das so oder so ähnlich schon einmal gehört: von Jürgen Klinsmann vor der WM 2006. „Die Österreicher haben viele Charakteristika eingebracht, die wir auch immer mitgebracht haben“, sagte Oliver Bierhoff, der Manager der deutschen Nationalmannschaft, nach dem glücklichen Sieg. Sie verteidigten offensiv, attackierten früh und suchten immer wieder mit ziemlich vertikalen Pässen den Weg in die Spitze. Vor allem besaßen sie jene Unbekümmertheit, die den Deutschen inzwischen abhanden gekommen ist. Am Ende stürmten die Österreicher unbekümmert in die Niederlage, weil sie sich schon nach einer Stunde verausgabt hatten. „Hier geht es um eine gewisse Philosophie“, sagte Hickersberger, der sich offen auf Jürgen Klinsmann berief. In der österreichischen Mannschaft steckte an diesem Abend mehr Klinsmann als in der deutschen. „Die mussten unbedingt zeigen, dass sie für die EM reif sind“, sagte Kevin Kuranyi.

Wie Deutschland vor der WM, so musste auch Österreich im ersten Spiel des Turnierjahres eine happige Niederlage hinnehmen. Trotzdem erlebte Österreich eine Art Anti-Florenz. Während die Deutschen nach dem 1:4 in Italien alles in Frage stellten, fühlen sich die Österreicher durch das 0:3 in ihrer Einschätzung bestätigt, auf dem rechten Weg zu sein. „Ein schrecklich nettes Debakel“, titelte „Der Standard“. Selten sei eine Niederlage derart erfreulich gewesen. Im Bestreben, ihr Publikum zu begeistern, nahmen die Österreicher den Misserfolg fast billigend in Kauf. „Wir dürfen uns nicht verstecken im eigenen Land“, sagte Stürmer Roland Linz, der drei gute Chancen vergeben hatte. „Nur wir selbst können die Euphorie entfachen.“ Mit einem Tor hätte ihm das schon am Mittwoch gelingen können. Stefan Hermanns

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