Sport : Länderspiel Ungarn - Deutschland: Jugendfreund Völler

Hartmut Scherzer

Hinter dem Podium war die grüne Sponsorenwand des Deutschen Fußball-Bundes aufgestellt. Die Helden und Höhepunkte, die Titel und Triumphe in der Geschichte der deutschen Fußball-Nationalmannschaft sind hier im Foto verewigt. Von Fritz Walter bis Oliver Kahn, von 1954 bis 1996. Vor der Wall of Fame saßen Sebastian Deisler und Sebastian Kehl zum Pressegespräch. Der Gedankensprung lag also nahe: Werden diese beiden jungen Wilden auch eines Tages Aufnahme auf die Wand des Ruhms finden? Denn dem doppelten Sebastian gehört die Zukunft in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Und umgekehrt. Der eine, Sebastian Deisler, übernimmt beim freundschaftlichen Länderspiel heute in Budapest gegen Ungarn bereits in zentraler Position die Chefrolle. Mit gerade mal 21 Jahren. Der andere, Sebastian Kehl, auch noch 21 Jahre jung, rückt ins Zentrum der Abwehr.

Sebastian Deisler ist mit 13 Länderspielen bereits ein Routinier. Kehl spielt in seinem zweiten internationalen Einsatz erstmals von Anfang an. Es war die einzige von den offenen Nominierungen, die Teamchef Rudi Völler gestern bereits bekannt gab. Zuletzt war Kehl nur nachträglich ins Aufgebot reingerutscht und in der zweiten Halbzeit gegen die Slowakei zu seinem Länderspiel-Debüt gekommen. Diesmal war der Freiburger schon vor den Ausfällen fest nominiert worden.

Jugendfreund Völler hat also den Verjüngungstrend eingeleitet und hält schützend seine Hand über die Talente. Der Teamchef warnt davor, gleich zu hohe Erwartungen an seine jungen Schützlinge zu stellen. "Man darf nicht unterschätzen, dass beide erst 21 Jahre alt sind. Der Druck darf nicht zu groß werden. Man muss ihnen auch mal ein schlechtes Spiel und Fehler zugestehen." Völler empfiehlt sogar hin und wieder "ein Päuschen. Das sei ganz wichtig. Sie haben noch eine lange Karriere vor sich."

Bei Sebastian Kehl gefällt Völler, "dass er noch ein Straßenfußballer ist, beidfüßig stark, mit gutem spielerischen Überblick". Straßenfußballer - dieses Kompliment ist heutzutage wie ein Ritterschlag. Völler ist sich daher sicher: "Sebastian Kehl gehört die Zukunft. Da verrate ich kein Geheimnis."

Bei Sebastian Deisler hat die Zukunft längst begonnen. Was der Teamchef erwartet, hört sich so einfach an und bürdet dem Berliner auch keine psychische Last als Spielmacher auf: "Er soll seine Kreativität einbringen, seine spielerische Klasse. Alles andere kommt von allein." Ganz cool, sehr selbstbewusst, fast schon routiniert redeten die beiden Sebastians über sich und ihre Rollen und vermittelten den Eindruck: Wir, unsere Generation, stehen mit beiden Füßen fest auf dem Boden. Sie sind keine Bubis mehr sondern helle Jungs, die die Entwicklung, auf die Jugend zu bauen wie in England, gut und zeitgemäß finden.

"Der Trend ist zu erkennen und setzt sich langsam nun auch in Deutschland durch. Und damit wird man auch bei uns gut fahren", verspricht Sebastian Kehl. Bei allem Selbstbewusstsein vergisst der Schlaks mit den blonden Strähnen im Haar nicht die Artigkeit des Neulings: "Es freut und ehrt mich, erstmals von Anfang an zu spielen. Egal, auf welcher Position. Es ist eine tolle Sache."

Sebastian Deisler entwickelt sich wie bei Hertha nun auch bei Völler immer mehr zum Führungsspieler. Der für diese Rolle hoch begabte Spieler ist sich seiner "Verantwortung bewusst" und interpretiert seine Aufgabe "als Helfer der Mannschaft in jeder Situation": "Man darf sich nicht verstecken, sondern muss es annehmen, dass mich die Mannschaft braucht und sucht. Ich scheue mich nicht vor dieser Verantwortung. Die zentrale Position macht mir Spaß. Das habe ich bereits gezeigt."

Dass er dabei oft noch "unnötige Wege" gehe, schreibt Sebastian Deisler seiner ungestümen Jugend und seinem angeborenen Naturell zu. "Von klein auf wollte ich immer den Ball haben. Das ist eine Sache der Entwicklung. In einigen Jahren werde ich sicherlich nicht mehr so viel laufen", sagt er. In einigen Jahren, so ist zu hoffen, wird Sebastian Deisler auch seinen Platz auf der "Wall of Fame" finden. Womöglich mit dem WM-Pokal in der Hand - im Jahr 2006 in Deutschland.

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