Länderspielreisen im Fußball : Wenn die Form den Abflug macht

Fußballprofis brauchen nach einem langen Flug Tage, um wieder ganz fit zu sein. Bobby Wood soll nur einen Tag nach seiner Landung aus den USA heute wieder für den 1. FC Union beim FC St. Pauli stürmen.

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Hier noch im US-Trikot, morgen im Dress des 1. FC Union: Stürmer Bobby Wood.
Hier noch im US-Trikot, morgen im Dress des 1. FC Union: Stürmer Bobby Wood.Foto: AFP

Über die mentale Verfassung von Bobby Wood macht sich André Hofschneider so seine Gedanken. „Wir werden ihn wieder aufbauen müssen“, sagt der Trainer des 1. FC Union Berlin vor dem Auswärtsspiel beim FC St. Pauli an diesem Freitag (18.30 Uhr). Wood ist sein erfolgreichster Angreifer, er kommt bisher auf respektable 14 Tore. Trotzdem macht sich Hofschneider Sorgen.

Fernab von Köpenick verliefen die vergangenen zehn Tage für Wood erfolglos. In zwei Länderspielen mit den USA blieb er ohne Treffer. Ungewohnt für einen wie ihn. Gerade weil es doch so gut lief. In acht Spielen hatte er zuletzt neun Tore geschossen für Union. Drüben in Amerika gab es statt Toren nur Kritik. Nach dem 0:2 gegen Guatemala in der WM-Qualifikation wurde zwischenzeitlich gar der sportliche Notstand ausgerufen. Kein Vergleich zur Berliner Wohlfühlathmosphäre.

Wood ist derzeit Unions einziger Nationalspieler. Alle im Verein wissen, wie gern der 23-Jährige für sein Land spielt und wie sehr ihn die Einladungen motivieren. Im Idealfall bekommt der Berliner Zweitligist nach Länderspielen einen bestens gelaunten und vor Ehrgeiz sprühenden Bobby Wood zurück. Dann lächelt er viel und sucht den Kontakt zu seinen Mitmenschen. Den zufriedenen Wood gibt es meistens aber erst, wenn er sich akklimatisiert hat. Unmittelbar nach den Reisen ist er müde und kraftlos. Die langen Überseeflüge, die Zeitverschiebung, der Jetlag, all das setzt ihm zu.

„Es ist bekannt, dass der kurzfristige Aufenthalt in verschiedenen Zeitzonen extrem leistungshemmend ist“, sagt der Sportmediziner Gregor Fahron, der viele Jahre an der Charité Berlin gearbeitet hat. Genaue Studien gebe es zwar nicht, Fahron berichtet aber von einer Faustregel zur Dauer der Akklimatisierung. „Wenn der Zeitunterschied zum Beispiel zwölf Stunden beträgt, sollte der Sportler zwölf Tage vor dem Wettkampf anreisen, um hundertprozentig leistungsfähig zu sein.“ Fahron führt Triathleten als Beispiel an, die das beim Iron Man auf Hawaii so handhaben würden.

Im Fall von Wood beträgt der Unterschied zwischen den Spielorten sechs Stunden, seine alte Leistungsfähigkeit erreicht er also erst wieder Mitte der kommenden Woche. Im Vollbesitz seiner Kräfte ist er direkt nach Länderspielen nie, das haben die vergangenen Begegnungen gezeigt. Im Oktober und November traf er im ersten Spiel nach seiner Rückkehr aus Nordamerika nicht, manchmal wirkte es, als würde er nur physisch anwesend sein. Er selbst redet offen über die Schwierigkeit des Reisens zwischen Nordamerika und Europa während der Saison. „Es ist schon sehr anstrengend, aber das ist etwas, dem ich mich stellen will. Topspieler müssen damit umgehen können und ich will das auch“, sagt er.

Jede Mannschaft, die Nationalspieler aus Nord- oder Südamerika beschäftigt, kennt das Problem der langen Flüge. Herthas US-Nationalspieler John Anthony Brooks spielte zwar nicht, brachte aber von seiner Reise Rückenschmerzen mit (siehe Text unten). Fit kommt niemand zurück, nicht einmal Lionel Messi, dem aus sportlicher Sicht sonst alles zuzutrauen ist. Beim FC Barcelona fürchten sie die Laune ihres Weltfußballers nach Überseeflügen, und das, obwohl der Verein ihm ein eigenes Privatflugzeug zur Verfügung stellt, Bett, Sofa und Playstation inklusive.

Als Pep Guardiola noch Trainer der Katalanen war, wagte er es einmal, den total übermüdeten Messi im nächsten Ligaspiel nur einzuwechseln. Der reagierte mit Unverständnis und trainierte am nächsten Tag angeblich so lustlos, dass er Berichten nach nicht einmal seinen Teelöffel aus dem Mund nahm. Seitdem spielt Messi selbst dann, wenn eigentlich eine Pause für seinen Körper angebracht wäre.

Bei Wood verhält es sich einfacher, Union verzichtet von sich aus nicht auf den Torjäger. „Wenn Bobby am Morgen sagt, er kann spielen, ist es keine Frage, ob er spielt. Er ist einer der besten Profis, die ich kenne“, sagt Hofschneider. Bisher war Woods Antwort immer ja.

Wood lebt vor, dass er zum Kreis der internationalen Elitespieler gehören will und tatsächlich befindet er sich auf einem guten Weg. US-Nationaltrainer Jürgen Klinsmann hält viel von dem antrittsstarken Stürmer, der zu den besten der Zweiten Liga zählt. Mit seinen 14 Toren liegt Wood auf Platz drei der Torschützenliste, Hofschneider glaubt trotz vier Toren Rückstand auf Nils Petersen und Simon Terodde noch an Platz eins: „Das würde seiner Qualität entsprechen.“

Ob Wood ohne die Länderspiele schon vorn liegen würde, ist reine Spekulation. Die Probleme danach sind es nicht. Für gewöhnlich landet Wood erst an Donnerstagen in Deutschland. Spielt Union wie heute schon am Freitag, ist es besonders schwer. Dieses Mal ist er gar nicht erst nach Berlin geflogen, sondern gleich von Columbus nach Hamburg – knapp zehn Stunden Flugzeit. Dort wurde er am Donnerstagmorgen von Manager Helmut Schulte abgeholt und ins Hotel gefahren. Um zu schlafen. Nur klappt das meist nicht wie gewünscht. „Die ersten zwei, drei Tage wache ich meistens mitten in der Nacht auf, so gegen halb vier, vier. Dann ist es noch unheimlich lange hin bis zum Spiel. Vor allem wenn wir abends spielen“, sagt Wood. Sein Körper fühle sich dann immer „verdreht“ an. Ein Gefühl, so unangenehm, wie es sich anhört.

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