Länderspielserie : Heißer geht’s nicht

Platz 2: Unter der sengenden Sonne von Mexiko liefern sich Italien und Deutschland 1970 ein episches Duell.

Sven Goldmann
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Karl-Heinz Schnellinger schießt im Spiel gegen Mexiko das einzige Länderspieltor seiner Karriere. -Foto: dpa

Am 5. April jährt sich zum hundertsten Mal das erste Länderspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Bis dahin erinnern wir jeden Tag an eines der besten Spiele der DFB-Elf. Heute Platz 2: das WM- Halbfinale 1970 gegen Italien in Mexiko.

Wer hat mehr Länder- als Bundesligaspiele? Genau, Karl-Heinz Schnellinger. 47 Mal hat er für Deutschland gespielt und im Herbst seiner Karriere auch noch 19 Mal für Tennis Borussia. Elf Jahre lang spielte er zuvor in Italien, vor allem beim AC Mailand, mit dem er Meisterschaft, Europa- und Weltpokal gewann. Die Italiener haben ihren blonden Carlo geliebt und gefeiert. Und einmal auch verflucht. Am 17. Juni 1970, beim Jahrhundertspiel, dem WM-Halbfinale zwischen Deutschland und Italien im Aztekenstadion von Mexiko. Ein einziges Mal wagt sich der Verteidiger in diesem Spiel über die Mittellinie und schießt dabei kurz vor Schluss sein einziges Länderspieltor. 1:1. Abpfiff, Verlängerung. Ohne Schnellinger wäre das berühmteste Fußballspiel der Welt nur ein ganz gewöhnliches geworden.

Es ist furchtbar heiß an diesem Tag, und das ist den Deutschen überhaupt nicht recht. Drei Tage zuvor sind sie gegen England über 120 Minuten gegangen. Wenn etwas nicht passieren darf, dann ein früher Rückstand, nach dem sich die Italiener in der eigenen Hälfte verbarrikadieren und die kraftlosen Deutschen anrennen lassen können. Doch genauso kommt es. Schon nach sieben Minuten trifft Boninsegna. Was folgt, ist ein Aufbäumen gegen alle Gesetze der Leidensfähigkeit.

Deutschland stürmt und stürmt und stürmt, aber der italienische Beton hält. Dazu fühlen sich die Deutschen von Schiedsrichter Yamasaki um drei Elfmeter betrogen. An der Mittellinie startet Franz Beckenbauer ein Solo, er überläuft Facchetti und stürzt über dessen ausgestrecktes Bein in den Strafraum. Bei der Landung kugelt er sich die Schulter aus.

Die Schmerzen sind fürchterlich, aber Beckenbauer muss durchhalten, denn das Wechselkontingent ist erschöpft. Nachdem sein rechter Arm bandagiert worden ist, greifen ihn die Italiener nur noch zögerlich an, und so tut Beckenbauer weitgehend ungestört das, was er am besten kann: elegante Pässe spielen und dirigieren. Um ihn herum stehen Deutsche und Italiener kurz vor dem Kollabieren. Die Temperatur im Aztekenstadion steigt auf über 50 Grad, der Smog tut sein Übriges. Die Tore fallen beinahe im Minutentakt. Erst schießt Gerd Müller die Deutschen in Führung, doch Burgnich und Riva drehen das Spiel noch vor der Pause der Verlängerung wieder. Dann ist wieder Müller dran, irgendwie wurschtelt er den Ball über die Linie. Der verzweifelte Rivera beißt vor Wut ins Netz – und schießt Italien im Gegenzug wieder in Führung. Beckenbauer treibt seine Kollegen noch einmal an, aber die Reserven sind aufgebraucht. Nichts geht mehr.

Nach dem Schlusspfiff taumeln Sieger und Besiegte emotionslos zu Boden. Nur Beckenbauer bleibt stehen und grantelt über die vielen Torchancen, „die unsere beiden Dicken vergeben haben“, gemeint sind Seeler und Müller. Der „Evening Standard“ beschließt seine Reportage mit dem Satz: „Beckenbauer verließ das Feld wie ein verwundeter, besiegter, aber stolzer preußischer Offizier.“

17. Juni 1970 in Mexiko-Stadt, WM- Halbfinale, Italien – Deutschland 4:3 (1:0, 1:1) n. V. Zuschauer: 110 000. Tore: 1:0 Boninsegna (8.), 1:1 Schnellinger (90.), 1:2 Müller (95.), 2:2 Burgnich (99.). 3:2 Riva (104.), 3:3 Müller (110.), 4:3 Rivera (111.).

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