Länderspielserie : Platz 5: Das deutsche Wunderkind

Beim ersten WM-Spiel 1966 beginnt die große Zeit von Franz Beckenbauer.

Sven Goldmann
Franz Beckenbauer Länderspielserie
Seltenes Glück: Torwart Elsner ist vor den Deutschen am Ball. Beim 0:5 in Sheffield hat die Schweiz keine Chance. -Foto: Tsp

Am 5. April jährt sich zum hundertsten Mal das erste Länderspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Bis dahin erinnern wir jeden Tag an eines der besten Spiele der DFB-Elf. Heute unser Platz 5: der WM-Sieg 1966 über die Schweiz in Sheffield.


Im Sommer 1966 trägt Franz Beckenbauer noch nicht das berühmte Trikot mit der Nummer 5, das ist dem Hamburger Abwehr-Haudegen Willi Schulz vorbehalten. Beckenbauer bekommt die 4, und auf dem Platz gibt er noch nicht den Stehgeiger mit den eleganten Außenristpässen, der einmal den Libero erfinden wird. Diese WM in England sieht den besten Beckenbauer aller Zeiten. Der uruguayische Lyriker Eduardo Galeano schreibt in seinem Standardwerk „Der Ball ist rund und Tore lauern überall“, schon der junge Beckenbauer habe „mit Frack, Handschuhen und Spazierstock gespielt“.

In Deutschland schon ein Star, auf internationaler Ebene aber nur einem Fachpublikum bekannt. Im ersten deutschen WM-Spiel am 12. Juli gegen die Schweiz erlebt das Hillsborough-Stadion in Sheffield den Antrittsbesuch eines Weltstars. Bei den Schweizern hat es am Abend zuvor ein kleines Malheur gegeben. Jakob Kuhn, der heutige Nationaltrainer, ist in einer Bar versackt und deswegen mannschaftsintern gesperrt. Auch ohne ihren Spielmacher wollen die Schweizer offensiv mitspielen und werden dafür grausam bestraft. Held gelingt schnell das 1:0, die Schweizer rücken noch weiter auf und werden gnadenlos ausgekontert. Helmut Haller läuft aus der eigenen Hälfte einfach nach vorn, und auf seinem Weg zum zweiten Tor muss Haller nur einen Gegenspieler austricksen.

Der Blondschopf Haller erinnert die Engländer ein wenig an den Schauspieler Hardy Krüger, der ein paar Jahre zuvor die Hauptrolle in dem Kinofilm „Einer kam durch“ gespielt hat, einen deutschen Weltkriegspiloten, der aus englischer Gefangenschaft flieht. Krüger hat einiges getan für das Ansehen der Deutschen im Nachkriegsengland. Jetzt staunen die Fußballfans in Sheffield über diese deutsche Mannschaft, die nicht grätscht und kämpft, sondern mit spielerischer Leichtigkeit auftritt. Allen voran Helmut Haller und der gerade 20 Jahre alte Beckenbauer, das Wunderkind aus München.

Dieser Franz Beckenbauer spielt sein eigenes Spiel, und dieses Spiel ist mindestens eine Klasse zu schnell für die tapsigen Schweizer. Das zeigt er ihnen beim dritten Tor, als ihm nach feinem Doppelpass mit Uwe Seeler gleich zwei Schweizer umsäbeln wollen, einer von links, einer von rechts, aber Beckenbauer springt einfach über die beiden hinüber und spitzelt den Ball mit dem linken Außenrist in die linke Ecke. Er lacht und tänzelt wie ein Kind, das auf der Wiese mit den Großen kickt und gar nicht versteht, warum alle anderen mit weit geöffneten Mündern zuschauen. Das nächste Kunststück gelingt ihm in der zweiten Halbzeit, wieder haben sich die Schweizer in ihrem naiven Offensivdrang um Kopf und Kragen gespielt. Beckenbauer läuft über das halbe Feld an allen vorbei, es kostet ihn keine sichtbare Anstrengung, den Ball ins Tor zu schieben. Dann wird Uwe Seeler im Strafraum gefoult, Haller schreitet zur Exekution des fälligen Elfmeters, als sei er auf dem Marktplatz seiner Heimatstadt Augsburg. Mitten im Anlauf bremst er ab, ja bleibt beinahe stehen, der verwirrte Torhüter reagiert zwei Sekunden, bevor Haller ungerührt verwandelt.

Wer hätte den Deutschen so viel Chuzpe zugetraut?



12. Juli 1966, WM-Vorrundenspiel in Sheffield, Deutschland – Schweiz 5:0 (3:0). Zuschauer: 36 000, Tore: 1:0 Held (15.), 2:0 Haller (21.), 3:0 Beckenbauer (40.), 4:0 Beckenbauer (54.), 5:0 Haller (77., Elfmeter).

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