Sport : Länger, schneller, kälter

Die frühere Kugelstoßerin Petra Lammert ist jetzt Bob-Anschieberin.

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Neue Herausforderung? Neuer Sport? Ist doch alles wie immer. Petra Lammert steht im Kraftraum, zieht an einer Maschine Gewichte nach oben, bis sich ihr Bizeps wölbt. Alle Kilosummen trägt sie in ein Notizbuch ein. Nichts deutet an diesem Vormittag darauf hin, dass Petra Lammert ihre sportliche Laufbahn auf den Kopf gestellt hat. Doch Petra Lammert ist keine Kugelstoßerin mehr, zu einem dritten Platz bei der EM und einem Hallen-EM-Titel werden in dieser Disziplin keine weiteren Erfolge kommen. Die 27-Jährige ist auch keine Einzelsportlerin mehr. Und die wichtigste Zeit des Jahres liegt im Winter. Denn sie schiebt jetzt den Zweierbob der Olympiasiegerin Sandra Kiriasis an. Auf der Bahn von Innsbruck-Igls startet Lammert an diesem Wochenende erstmals bei einem Weltcup.

In der Potsdamer Leichtathletikhalle hat sie dafür die Grundlagen gelegt, sie läuft ständig von einem Kraftraum in den anderen, je nachdem, welche Muskeln gerade gestärkt werden sollen, zwischendrin setzt sie sich zum Erzählen auf eine Holzbank. „Kugel war mein Leben. Als ich aufgehört habe, dachte ich erst, ich gehöre nicht mehr dazu.“ Sie befürchtete, dass die anderen Leichtathleten sie links liegen ließen, weil sie beim Kugelstoßen hingeschmissen habe. „Aber es ist zum Glück ganz anders gekommen. Jetzt sagen alle: Ach ja, die Petra, die fährt jetzt Bob.“

Vor ihr gab es schon einmal eine Athletin, die im Sommer- und Wintersport große Erfolge feierte, Christa Rothenburger. Sie schaffte es, 1988 sowohl im Eisschnelllaufen als auch einige Monate später im Bahnradsport olympische Medaillen für die DDR zu gewinnen. Doch Lammerts Geschichte ist eine andere. Sie handelt auch von unerfüllten Wünschen.

Um aus ihrem Talent das Beste zu machen, war Petra Lammert 2006 aus dem Schwarzwald nach Neubrandenburg gezogen. Wenn schon Leistungssport, dann dafür alles geben, notfalls auch einiges aufgeben. „In Neubrandenburg gab es eben die beste Trainingsgruppe“, sagt sie. Doch zwei Jahre später, in der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in Peking, verletzte sie sich im Training schwer am Ellenbogen. Sie kam noch einmal zurück in die Weltspitze, wurde 2009 Halleneuropameisterin. Doch die Schmerzen im Ellenbogen wurde sie nicht mehr los. „Ich habe sie schon beim Anlegen der Kugel gespürt.“ Ihre Trainingsumfänge konnte sie nicht halten, „und ich hatte einfach keinen Bock, in die zweite Liga abzurutschen“.

Was Petra Lammert so mag am Sport, „sich selbst an die Grenzen zu bringen, zu erfahren, wo die Grenzen liegen“, das war mit der Kugel nicht mehr möglich. Eine Verletzung setzte ihr die Grenze, nicht ihr Talent. Und da war noch das unerreichte Ziel, zu den Olympischen Spielen zu fahren. „Bobfahren ist jetzt meine zweite Chance.“ Schon 2003 hatte Lammert ein Bobtraining absolviert, zur Probe.

An ihrem neuen Trainingsort Potsdam hat Lammert auch andere ehemalige Leichtathleten getroffen, die einen Bob in Schwung bringen, Kevin Kuske etwa, der es schon zu vier Olympiasiegen als Anschieber gebracht hat. Er war früher Sprinter. Lammerts Athletik hat ihr den Umstieg leichter gemacht. Aber etwas dazulernen musste sie trotzdem – richtig zu laufen. „Ich dachte am Anfang: Hauptsache schnell. Aber das ist nicht alles, es kommt auch auf Schrittfrequenz und Schrittlänge an.“ So explosiv das Anschieben geschehen muss, so ruhig muss sich Lammert danach verhalten. „Man darf nicht in den Bob reinspringen und erst noch rumruckeln, um die richtige Position zu finden.“

Im Sommer hat Lammert ihren ersten nationalen Trainingswettkampf als Anschieberin gewonnen. Sie ist jetzt erste Wahl. Allmählich lernt sie, die Bobbahnen in Gedanken abzufahren, denn wenn sie hinuntersaust, sieht sie davon nichts. „Einmal habe ich mich zu früh aufgerichtet, dabei kam noch eine Kurve.“ Altenberg sei ihre Lieblingsbahn, „die finde ich richtig cool, die anderen sind eher gemütlich“. In ihrem neuen Sport kann sie also nicht nur ihren Ehrgeiz ausleben, sondern auch ein Teil ihres Naturells. „Je schneller, desto besser. Ich mag ja solche Sachen, Motorradfahren, Bungeejumping, Fallschirmspringen.“ Den Ausgleich holt sie sich beim Cellospielen.

Mit dem Bob geht alles schneller, dafür dauert es länger. „Ich muss jetzt fünf Taschen mitnehmen, weil wir mehr anhaben und oft vier Wochen lang unterwegs sind, in der Leichtathletik war es nur eine.“ Und während ein Stoß mit der Kugel nach zwei, drei Sekunden vorbei ist, schiebt sie den Bob doppelt so lange an. Als Belohnung wartet dann ein Temporausch.

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