Lärm im Stadion : Im falschen Rhythmus

Der Lärm der Zuschauer im Berliner Olympiastadion beflügelt die Athleten – und stört sie manchmal.

Frank Bachner
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Lärm macht Spaß - aber nicht allen.Foto: dpa

Nadine Müller ist eine eher schlanke Frau, jedenfalls für eine Diskuswerferin. Sie kann nicht mit diesen schweren stampfenden Schritten in den Ring marschieren, diese Gesten, die wilde Entschlossenheit ausdrücken. Sie ging eher zu ihrem dritten Versuch, aber sie musste keine Stärke demonstrieren. 60 000 Zuschauer sorgten dafür, dass die Konkurrenz beeindruckt war. Der Jubel war schon laut, als sie sich drehte, er wurde noch lauter, als die Scheibe 62,04 Meter weit flog, der beste Versuch der 23-Jährigen aus Halle an der Saale. Der Einzug in den Endkampf war perfekt. Am Ende belegte sie Rang sechs. Nadine Müller sog diese Atmosphäre in sich auf wie den Duft einer besonders betörenden Parfüms. „Das Publikum ist vor allem beim dritten Versuch hinter mit gestanden. Das hat mich wahnsinnig gepuscht. Es war schon toll.“

Alle Athleten schwärmen von dieser Atmosphäre und finden die Stimmung entweder „wahnsinnig“ oder „einfach nur geil“. „Wir sind Euer Doping“, hatten Fans auf ein riesiges weißes Laken gemalt. Stimmt ja auch. Kurioserweise sind die Zuschauer in bestimmten Momenten aber auch das Problem. Die Sportler feiern die Fans, aber gleichzeitig beklagen sie auch die Probleme, die diese Stimmung erzeugt.Pascal Behrenbruch, der beste deutsche Zehnkämpfer, sagte: „Bei dem Publikum musste man aufpassen, dass man nicht überdreht. Ich habe manchmal meine Technik vergessen. Meine Stärken im Wurf kamen nicht so zur Geltung.“ Seine Bestleistung im Diskuswerfen verpasste er um drei Meter.

Die Feinheiten leiden bei zu viel Lärm. Raul Spank, der Bronzemedaillengewinner im Hochsprung, traf in dieser Atmosphäre die Anlaufmarken nicht. „Bei jedem Sprung habe ich sie überlaufen.“ Es ging noch mal gut, über 2,28 Meter war er gekommen, obwohl er zu dicht an der Matte abgesprungen war. Am liebsten hätte er sowieso ein absolut stilles Stadion gehabt. „Ich möchte gerne meine eigenen Schritte beim Anlauf hören, den Abdruck“, sagt er. Das Geräusch ist für ihn ein wichtiges Kontrollmittel. Er kann dadurch entscheiden, ob er noch etwas beim Anlauf oder Absprung korrigieren muss.

Jan-Gerrit Keil, der Trainer der Hochspringerin Meike Kröger, hätte es gerne gehabt, wenn die Zuschauer im richtigen Rhythmus geklatscht hätten. Jede Springerin hat ihren eigenen Rhythmus im Anlauf, stimmt der nicht mit dem überein, den tausende, klatschende Menschen produzieren, kann das Anlauf und Anlaufgeschwindigkeit entscheidend beeinflussen. Die Weitspringerinnen mussten ihren Anlauf nach hinten verlegen, weil man bei dem Lärm automatisch schneller läuft und deshalb der gewohnte Anlauf nicht mehr gilt, auch die Stabhochspringer mussten ihre Anlaufmarken mühsam korrigieren.

Nur Usain Bolt, der Weltrekordler über 100 und 200 Meter, beklagte sich nicht. Stattdessen wischte er sich am Freitagabend ein paar Tränen aus den Augen, als er bei der Siegerehrung des 200-Meter-Laufs auf dem Podest stand. Der Jamaikaner feierte an diesem Tag seinen 23. Geburtstag, und vor ihm wurden 60 000 Menschen besonders laut. Das ganze Stadion sang „Happy birthday“.

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