Sport : Lässige Pflicht

Nach der gelungenen EM-Qualifikation versucht Bundestrainer Joachim Löw, durch Konkurrenzkampf die Spannung hochzuhalten – auch heute in Polen

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Umgepolt. Miroslav Klose will beim heutigen Spiel in Polen englisch sprechen. Foto: dpa
Umgepolt. Miroslav Klose will beim heutigen Spiel in Polen englisch sprechen. Foto: dpaFoto: dpa

Miroslav Klose hat für dieses an sich belanglose Freundschaftsspiel strenge Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Normalerweise verständigt sich der Stürmer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft mit seinem Kollegen Lukas Podolski in der gemeinsamen Muttersprache Polnisch. Aber an diesem Dienstag könnte sich das als kontraproduktiv erweisen. Die Nationalmannschaft spielt in Danzig gegen Polen, da drohen die gebürtigen Polen Klose und Podolski zu Opfern eines Lauschangriffs ihrer Gegenspieler zu werden. Aber das ist auch kein Problem. „Vielleicht werden wir auf Englisch umswitchen“, sagt Miroslav Klose.

Das ist natürlich nur ein Witz gewesen; kein Witz ist, dass die Deutschen auch dieses Spiel ernst zu nehmen gedenken. Natürlich ist die Situation psychologisch nicht einfach. Am Freitag hat die Nationalelf mit einem 6:2 gegen Österreich die Qualifikation für die EM in Polen und der Ukraine geschafft. Die Motivation fällt nach dem Erreichen eines wichtigen Ziels naturgemäß etwas ab, auch wenn die Nationalspieler diesem Eindruck zumindest verbal entschieden entgegentreten. „Für mich ist Länderspiel Länderspiel“, sagt Toni Kroos. „Wir müssen da hinfahren, noch mal konzentriert spielen und gewinnen.“

Der Sieg gegen Österreich und die damit verbundene EM-Qualifikation hat dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) die gewünschte Planungssicherheit verschafft. Da die Nationalmannschaft nicht an der Relegationsrunde teilnehmen muss, steht nunmehr definitiv fest, dass sie im November auf Holland (in Hamburg) und den zweiten EM-Gastgeber Ukraine (in Kiew) trifft. Auch die Vorbereitungen für den kommenden Sommer sind gestern einen großen Schritt weitergekommen: Der DFB gab gemeinsam mit der Stadt Danzig bekannt, dass die deutsche Mannschaft im Danziger Hotel „Dwor Oliwski“ ihr EM-Quartier beziehen wird. Danzigs stellvertretender Bürgermeister kündigte an, die Stadt werde die Kosten für Infrastrukturverbesserungen rund um das Hotel übernehmen.

Heute gegen Polen und auch in den kommenden Spielen wird es für den Bundestrainer darum gehen, die Mitte zwischen Pflicht und Kür zu finden. „Ich habe jetzt den Vorteil, dass ich das eine oder andere ausprobieren kann“, sagt er. In Danzig wird heute Tim Wiese im Tor stehen und Mario Götze wie schon gegen Brasilien Mesut Özil im zentralen offensiven Mittelfeld vertreten dürfen; dazu nimmt Per Mertesacker nach seiner Verletzungspause erstmals wieder seinen Platz in der Innenverteidigung ein. Die Veränderungen im Team müssen nicht zwangsläufig zu einem Qualitätsabfall führen, sie dienen eher dazu, die Konzentration durch Konkurrenz weiter zu schärfen. „Wir wollen die Spannung hochhalten“, sagt Löw, „auch wenn uns das möglicherweise nicht immer gelingen kann.“

Immerhin erlebt der Bundestrainer sein Team als „enorm motiviert und konzentriert“. Und zumindest für die beiden verbleibenden Qualifikationsspiele im Oktober in der Türkei und gegen Belgien gibt es noch ein Ziel hinter dem Ziel. Mit zwei weiteren Erfolgen würde die Nationalmannschaft Geschichte schreiben. Noch nie hat eine DFB-Elf eine Qualifikation ausschließlich mit Siegen abgeschlossen.

Ob ein solches Unternehmen zur Eigenmotivation ausreicht, kann trotzdem niemand wissen. Vor vier Jahren war die Nationalmannschaft in einer ähnlichen Situation. Die Qualifikation hatte sie sogar drei Spieltage vor Schluss sicher, und natürlich, so lauteten die Versprechungen aller Beteiligten, werde man nun nicht nachlassen, sondern die Begegnungen nutzen, um den Spielstil weiter zu verfestigen. „Der Wille ist da, es weiter gut zu machen“, hat Oliver Bierhoff vor dem Heimspiel gegen Tschechien gesagt. Es endete mit einem blamablen 0:3-Pleite, deren Spätfolgen reichten bis in das Turnier im Sommer danach. „Irgendwie steht die Mannschaft nicht so unter Strom, wie das vor einem großen Turnier eigentlich selbstverständlich sein sollte“, hat Philipp Lahm in seiner Autobiografie über die Ausgangslage im Sommer 2008 geschrieben.

Dass so etwas noch einmal passiert, „kann ich mir nicht vorstellen“, sagt Miroslav Klose. „Es sind ganz andere Spieler dabei, der Konkurrenzkampf ist groß.“ Niemand darf sich seiner Sache sicher sein, selbst Klose nicht. Der erfolgreichste Stürmer der Nationalmannschaft hat noch am Freitag, direkt nach dem Spiel gegen Österreich, das Gespräch mit dem Bundestrainer gesucht und darum gebeten, gegen Polen bloß nicht geschont zu werden.

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