Sport : Lahm gelegt

Wer Marcelinho stoppt, stoppt auch Hertha BSC – das hat die Bundesligakonkurrenz inzwischen gemerkt

Stefan Hermanns

Berlin. Der Fußballer Matthias Lehmann ist in seiner noch jungen Karriere nicht besonders auffällig geworden. Er gehört zum Kader der U-20-Nationalmannschaft, ist Vertragsamateur beim TSV 1860 München und hatte gerade ein Bundesligaspiel bestritten, als er am Samstag von seinem Trainer Falko Götz einen besonderen Auftrag erhielt: Lehmann sollte Hertha BSC lahm legen. Inzwischen weiß die Konkurrenz nämlich ganz gut, wie das funktioniert. Elf Wochen lang konnte die Bundesliga beobachten, dass die Berliner ohne ihren verletzten Spielmacher Marcelinho nicht besonders gefährlich sind. Inzwischen spielt Marcelinho wieder, aber sein Effekt auf Herthas Spiel lässt sich auch dadurch minimieren, dass der Gegner einen Spieler aufbietet, der sich 90 Minuten lang ausschließlich um Marcelinho kümmert. So wie am Samstag Matthias Lehmann.

Hertha hat in dieser Saison noch nicht gewonnen, wenn Marcelinho nicht gespielt hat. Das heißt: Für den Fall, dass Marcelinho dabei ist, wird der Gegner versuchen, ihn auf andere Art aus dem Spiel zu nehmen. Niko Kovac hält das zwar für „Fußball von 1954“, gegen Hertha aber hat sich diese destruktive Spielweise zuletzt als äußerst wirkungsvoll erwiesen. Es ist kein Zufall, dass die Berliner ihren letzten Sieg gegen eine Mannschaft (Borussia Mönchengladbach) geschafft haben, deren Trainer darauf verzichtet hat, Marcelinho in Manndeckung zu nehmen. Auch beim 1. FC Köln, dem letzten Gegner vor der Winterpause (heute, 20 Uhr), gibt es mit Alexander Voigt und dem früheren Herthaner Oliver Schröder zwei Kandidaten, die Marcelinho die Lust am Spiel verderben könnten.

Den Wert des Brasilianers für Hertha BSC erkennt man auch aus den Reaktionen des Vereins auf seine jüngste Eskapade. Am Sonntag, nach dem enttäuschenden 1:1 gegen 1860 München, fehlte Marcelinho unentschuldigt beim Training, weil er am Abend zuvor mit seiner Band „100% Prozent Marcelinho“ in einer brasilianischen Diskothek aufgetreten und dort bis in die frühen Morgenstunden geblieben war. „In der Situation, in der wir stecken, war das nicht besonders clever“, sagt Mannschaftskapitän Dick van Burik. „Das hilft uns nicht weiter. Und ihm auch nicht.“

Wenn Hertha heute in Köln verliert und Frankfurt im Heimspiel gegen den Hamburger SV mindestens ein Unentschieden holt, würden die Berliner die Winterpause als Tabellenletzter verbringen. Marcelinho muss eine Geldstrafe zahlen, eine, von der Manager Dieter Hoeneß sagt, dass sie „richtig rauscht“. Weitere Sanktionen, etwa eine Suspendierung für das Spiel in Köln, gibt es nicht. „Man sollte ihm das nachsehen“, sagt Niko Kovac. „Wir brauchen ihn.“

So ähnlich sieht das auch Manager Hoeneß, der jetzt „nicht nur über Marcelinho diskutieren will, damit sich die anderen nicht wieder hinter ihm verstecken können“. Herthas Manager hat in diesem Herbst schon mehrmals Konsequenzen für Spieler angedroht, die in der schwierigen Situation für den Verein nicht die notwendige professionelle Einstellung zeigen. „Ich will nicht immer nur Worte hören“, hat Hoeneß erst am Sonntag gesagt. „Es wird sehr ungemütlich für einige, wenn es in Köln nicht klappt.“

Für Marcelinho gilt das vorerst noch nicht, obwohl er Wiederholungstäter ist. Im Frühjahr, nach zwei schmerzhaften Niederlagen in Porto und beim HSV, hatte er ausgiebig Karneval gefeiert. Hoeneß bezeichnete ihn daraufhin als fremdgesteuert. Sein Wesen habe sich verändert. Nach dem jüngsten Vorfall nun sagt Arne Friedrich: „Das kommt bei der Mannschaft nicht so gut an. Es sollte das letzte Mal gewesen sein.“ Marcelinho entschuldigte sich gestern bei seinen Kollegen und dem Trainer. Der Öffentlichkeit aber will er sich erst „nach dem Spiel“ erklären.

Nach seiner Karnevalseskapade wurde der Brasilianer vom damaligen Kapitän Michael Preetz hart angegriffen, im Training bekam er die Verärgerung seiner Kollegen am eigenen Leib zu spüren. So weit wollte es die Mannschaft diesmal gar nicht erst kommen lassen, nachdem sie vom Termin des Konzertes erfahren hatte. Ob er als Kapitän das Gespräch mit Marcelinho suche, wurde Dick van Burik gefragt: „Das haben wir letzte Woche schon gemacht.“

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